WISSENSFENSTER: MAUERTOTE

Die Unbeachteten

von Holger Kulick

Filmbilder aus „1989 – Lieder unserer Heimat“ von Schwarwel

Fast 15.000 Säcke mit zerrissenen Stasi-Akten gibt es noch, und manchmal halten diejenigen, die sie sichten, den Atem an. Mitunter stoßen sie auf zerfetzte Tatortfotos, aufgenommen irgendwo an der innerdeutschen Grenze. Beim ersten Mal, als mir ein Archivar der Stasi-Unterlagen-Behörde solche Bilder zeigte, stammten sie aus einem Grenzwachturm. Einschusslöcher an den Wänden sind zu sehen, eine Blutlache und darin ein verbluteter Grenzer. Sein Kollege war offenbar geflohen, das Opfer wollte dienstbeflissen die Flucht verhindern und kam bei der Auseinandersetzung der beiden um.

Tatort-Kennziffer 859/64. Die nächsten Fotos aus Tagesberichten des Ost-Berliner „Grenzkommandos Mitte“ zeigen den entkleideten Körper eines 17-jährigen Lehrlings, der im November 1964 in Treptow durch die Spree fliehen wollte, ratzfatz erschossen, von hinten im Wasser. Die Leiche zeigt fünf Einschusslöcher im Rücken und eins in der Brust, auf einer beigefügten Skizze sind säuberlich Schusskanäle eingezeichnet und durchnummeriert.

Solche Dokumente sind die blutigsten Spuren der deutschen Teilung und fieberhaft hat die Stasi vor ihrer Auflösung 1990 noch versucht, sie zu beseitigen. Denn nur die Geheimpolizei der DDR und die Partei- und Staatsspitze erfuhren von solchen Taten und hielten sie streng geheim, ganz egal, ob dabei Flüchtlinge abgeknallt wurden oder Grenzer, ob schwimmend von Hiddensee aus Flüchtlinge Dänemark erreichen wollten, vor Erschöpfung in den Wellen starben, später von Schiffsschrauben zerfetzt. Oder ob im Grenzkontrollpunkt Friedrichstraße Rentner einen tödlichen Herzinfarkt erlitten, weil Kontrollen zu schikanös waren. Auch solche Mauertoten gibt es.

Im Fall des im Wasser erschossenen 17-Jährigen sprechen auch die zusätzlich aufgefundenen Ermittlungsakten Bände. Ein Arzt aus dem Ostberliner Klinikum Charité leitete die Obduktion und hat im Abschlussbericht geschickt verschleiert, dass der junge Mann durch Schüsse starb. Zynisch ist stattdessen von „Stoffdefekten“ und „Defekten an der Oberhaut“ die Rede.

Nachlesbar ist auch, dass die Eltern irgendwann Vermisstenanzeige stellten, weil ihr Sohn nicht mehr auf seiner Arbeitsstelle erschien. Sie treibe die Sorge, dass er sich aus Angst vor Strafe irgendwo versteckt. Dann wird ihnen vorgegaukelt, er sei aufgefunden worden – leider ertrunken beim Schwimmen, doch eine Inaugenscheinnahme der Leiche wird ihnen verwehrt.

Darf man heute solche Tatort- und Leichen-Fotos zeigen? Ja, in anonymisierter Form. Und man muss. Nur so lässt sich vor Augen führen, wie weit diese manchmal „Wohlfühl-Diktatur“ genannte DDR ging, um Menschen daran zu hindern, ihr Land „illegal zu verlassen“, ob für immer oder mal nur kurz zum Besuch beim Nachbarn. WIESO durften sie das nicht? Wegen dem Machthunger einiger weniger und der Duckmäuserei wiederum vieler, die dieses System durch Angst oder Wegschauen unterstützten.

Erschreckend ist obendrein, dass die DDR in ihren „sozialistischen Bruderstaaten“ Ungarn und der Tschechoslowakei ebenso darauf drängte, DDR-Bürger als Grenzverletzer „unschädlich zu machen“, die versuchen sollten, über deren Landesgrenzen nach Deutschland oder Österreich zu fliehen.

Wer solche Akten-Bände studiert, kommt unvermeidlich zum Weinen.

Im August 1977 versuchen beispielsweise zwei Arbeitskollegen aus Eisenhüttenstadt, spontan bei Rybnik einen Weg über die Grenze zu finden. Die Grenzer rufen zwar „Stoi, stoi“ (Halt, halt), aber dann schießen sie auch schon. Einer der beiden Fliehenden stirbt, der andere wird verhaftet. Mit einer DDR-ähnlichen Grenzsicherung gerechnet, so ergibt das Vernehmungsprotokoll, hatten sie nicht, und stattdessen schon euphorisch beschlossen, wie sie ihre DDR-Verwandten verschlüsselt informieren wollten, dass sie jetzt im Westen sind. Mit der Telegramm-Zeile: „Habe passende Jeans bekommen“.   

Ein Jahr später wagen im Raum Všeruby zwei 19-jährige Zwillingsbrüder aus Berlin-Lichtenberg die Flucht mit ihrem Motorrad und zu Fuß. Sie überwinden sogar einige Grenzsperren, lösen aber nach 400 Metern einen Alarmdraht aus. Gezielte Schüsse beenden auch ihre Flucht. Frank P. wird durch einen Kopfschuss getötet, sein Bruder überlebt mit einem Hals- und Armdurchschuss in einem Prager Haftkrankenhaus.

Auf die Eltern wird geschickt Druck ausgeübt, einem Vorschlag der Stasi zuzustimmen, „alles zu unternehmen, dass diese Grenzprovokation weder zu internationalen Konflikten zwischen der DDR und der ČSSR noch zu gegnerischen Hetzkampagnen genutzt wird“. Frank P. „sei bei einem Verkehrsunfall mit dem Motorrad in der ČSSR tödlich verunglückt“, sollen sie Verwandte und Bekannte belügen. Damit nichts schief läuft, „sichert“ das MfS die Bestattung „operativ ab“.

Es gibt weitere Fälle, einer tragischer als der andere. Und auch ohne Schüsse kommt es zu Toten, alle in Wort und Bild belegt und nur teilweise ausgewertet. Mal zerfetzt ein Wachhund der Grenzer einen wehrlosen Flüchtling, mal verirren sich Flüchtlinge im dichten Grenzwald und erfrieren. Im September 1983 ertrinkt ein sechsjähriges Kind, als sich eine Familie aus Altenburg schon fast am Ziel wähnt und einen reißenden Fluss mit der Donau verwechselt. Beim Durchqueren wird ihr Kind unrettbar abgetrieben. Zur persönlichen Trauer kommt noch ein Strafverfahren – die Eltern werden der fahrlässigen Tötung bezichtigt.

Ohne die Ideologisierung im Kalten Krieg, ohne diese dämlich-dümmlichen Feindbilder vom sogenannten „Klassenfeind“ oder „feindlich-negativen“ Menschen, ohne diese absolut unnötige Mauer im Kopf und kreuz und quer durch Deutschland und Europa könnten so viele Menschen noch ihr Leben erleben. Wenigstens ein zentrales Mahnmal mit allen ihren Namen und Gesichtern und Beschreibungen ihrer Träume hätten diese Menschen verdient. Typisch deutsch wird aber derzeit nur gestritten, wie viele Mauertote es genau gab. Dabei ist schon jeder Einzelne einer zu viel.

Zwar wird in Berlins Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße mit einer Fotowand zumindest an die über 140 Todesopfer an der Berliner Mauer erinnert. Und jeden Mittag halten Freiwillige in der benachbarten Kapelle der Versöhnung eine kurze Andacht über eins von ihnen ab. Aber wenn dort an jedem 13. August und 9. November auch der Mauer-Opfer gedacht wird, erfolgt die Kranzniederlegung der Politprominenz in der Regel an einer großen Begrenzungs-Stahlwand, abstrakt und kalt, aber nicht an dieser Fotowand. Als wolle man den Mauer-Toten auch heute nicht ins Gesicht sehen.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat: Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”.