ROSA LUXEMBURG

Revolutionärin zwischen den Stühlen

von Tobias Prüwer

Illustration: Schwarwel

„… ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer ‚das laut zu sagen, was ist‘.“ Das ist nur ein berühmtes Zitat von Rosa Luxemburg. Die radikaldemokratisch-sozialistische Revolutionärin war eine ungewöhnliche und durchsetzungsstarke Frau. Sie wird bis heute verehrt, weil sie Lenins Aufbau eines diktatorischen Systems in der Sowjetunion kritisierte und damit für einen möglichen anderen Sozialismus steht. Aufgrund ihres tragischen Todes 1919 wurde sie zur Märtyrerin der Novemberrevolution: Sie wurde von Kreisen ermordet, die später im Nationalsozialismus aufgingen. Als stumm gemachte Ikone verehrte man die Arbeiterpolitikerin in der Sowjetunion wie in der DDR. Mit ihrem konsequent internationalistischen und antimilitaristischen Ansatz eckte sie in der SPD an, gründete mit ihrem Mitstreiter Karl Liebknecht die Kommunistische Partei Deutschland und hielt bis zu ihrem Tod an Kapitalismuskritik und der Hoffnung auf eine bessere Welt fest.

Auch wenn sie nicht gläubig war, entkam Luxemburg als Jüdin dem Antisemitismus nicht. Als promovierte Frau wusste sie sich durchzusetzen, in einer Zeit, in der Frauen sich kaum an Hochschulen einschreiben durften. Sie trat in der Öffentlichkeit auf, was damals überwiegend Männern vorbehalten war. Ihr kompromissloses Auftreten brachte ihr innerparteiliche Feinde ein. Jene, die sie kannten, lobten ihre menschliche Wärme. Luxemburg steht nicht zuletzt für ein Zitat, das immer wieder bis in die extreme Rechte und auch auf Querdenker-Demonstrationen auftaucht, das sie aber so nie gemeint hatte: „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden.“

Die Ausnahmegebildete

Am 5. März 1871 wird Rosa Luxemburg in der Kleinstadt Zamość im russisch besetzten Polen geboren. Ihr Vater arbeitet als Holzhändler. Die Eltern sind Juden, aber gehören keiner Religionsgemeinschaft an, obwohl aus ihrem familiären Umfeld auch Rabbiner stammen. Mit bescheidenem Wohlstand ermöglichen sie den Kindern Bildungschancen. Rosa geht in Warschau aufs Gymnasium. Ihre Leistungen sind ausgezeichnet, sie lernt vier Sprachen. Nach dem Abitur zieht Luxemburg in die Schweiz, weil die Züricher Universität eine der wenigen Hochschulen ist, die Frauen gleichberechtigten Zugang bietet. Zunächst studiert sie Naturwissenschaften, dann Staatswissenschaften und Nationalökonomie und erwirbt den Doktorgrad.

Politischer Mentor Luxemburgs wird ihr langjähriger Lebenspartner, der litauische  Revolutionär Leo Jogiches. Auch nach der Trennung 1907 bleiben sie politisch auf Tuchfühlung. Luxemburg begründet die Partei Sozialdemokratie des Königreiches Polen mit, die sich 1900 in Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauen (SDKPiL) umbenennt. Nach der Übersiedlung 1898 nach Deutschland erhält Luxemburg durch eine Scheinehe die preußische Staatsbürgerschaft. In Russisch-Polen hätte einer politisch Aktiven wie ihr die Verbannung nach Sibirien gedroht. Nun tritt sie für die deutsche Sozialdemokratie ein, auch international und publizistisch. Ende 1905 bis März 1906 beteiligt sie sich an der Revolution im russisch annektierten Polen, wird nach Verhaftung gegen Kaution freigelassen. Diese sammelten Freunde Rosa Luxemburgs zusammen und zusätzlich noch Bestechungsgeld für einen Offizier. Die russisch-polnische Heimat sieht Luxemburg nie wieder.

Eine Frage der Organisation

Die Erfahrungen während der Revolution führen sie zu Überlegungen über die deutsche Lage. Im Massenstreik erkennt die junge Frau ein revolutionäres Kampfmittel. Sie hatte gesehen, wie sich aus dem politischen Massenstreik heraus eine Organisation formte, also die Aktion der Organisation vorausgegangen war. Ihre Broschüre „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ stößt bei den meisten in der SPD auf Ablehnung, wird aber zum theoretischen Ausgangspunkt für Parteilinke, die sich als Flügel zu formen beginnen. Dabei war es nicht Luxemburgs Absicht, die Partei zu spalten. Sie wird zu einem führenden Kopf dieser linken Strömung innerhalb der Sozialdemokratie und polarisiert. Große Gefahr sieht die Internationalistin in jedem Nationalismus, auch im polnischen. Ein solcher würde die Abschaffung der Ausbeutung hemmen, glaubt sie. Realistisch ist das nicht, um 1900 erfassen Nationalismus und Nationalchauvinismus viele europäische Staaten. Diese Haltung zur polnischen Frage macht Luxemburg und ihren Kreis zu Außenseitern in der polnischen Sozialdemokratie. Sie gilt heute als persona non grata in Polen.

Luxemburg steht der verbreiteten Auffassung in der Sozialdemokratie entgegen, dass alleine ein Anwachsen der Bewegung – also der SPD und Vorfeldorganisationen wie Arbeitersport- und Konsumvereine – die kapitalistischen Verhältnisse umwerfen kann. Mehr Parlamentssitze sollten dazu führen. Luxemburg meint, permanente Anstrengung allein führe zur Überwindung des Kapitalismus. Hinsichtlich dieser praktischen Politik ist sie einer Meinung mit Lenin und den Bolschewiki. Letztere bauen aber auf eine in straffer Hierarchie und fast militärisch geführten Kaderpartei, während Luxemburg und ihre Freunde eine Partei entwerfen, welche die Arbeiter durch Bildung zum Handeln ermächtigt. Dem leninschen Pfad des „Kasernensozialisms“ (August Bebel) schließen sich viele sozialistisch Bewegte auch in den kommenden Jahren an; viele überzeugte Kommunisten sollte das innerhalb der Bewegung – insbesondere im Stalinismus – das Leben kosten. Ein kommunistischer Häftling in einem sowjetischen Lager drückte es so aus: „Ich beneide nicht, die draußen in Freiheit sind. Die in ein deutsches Konzentrationslager geraten sind, die beneide ich. Wie schön, wenn man einsitzt und weiß, dass man von einem Faschisten geprügelt wird. Wir sind hier doch in der schrecklichsten Lage, werden von unseren eigenen Leuten misshandelt.“

Rosa Luxemburg zeigt sich in ihren Reden und Schriften als brillanteste Polemikerin. Das macht ihre Texte bis heute recht erfrischend. Das verschafft ihr eine große Zahl an Gegnern. Noch dazu, weil sie eine Frau ist. Oft wird sie wegen ihrer geringen Körpergröße von 1,50 Metern verspottet. Sie versucht das ihrerseits durch Selbstironie zu überspielen. Den Erfolg bei Männern schmälert das nicht. Luxemburg hat Beziehungen mit mehreren deutlich jüngere Gefährten, unter anderem mit einem Sohn von Clara Zetkin. Mit dieser SPD-Politikerin verbindet sie eine enge Freundschaft. Vieles aus Luxemburgs Privatleben wird erst nach ihrem Tod bekannt, denn sie hält dieses aus der Öffentlichkeit heraus. Ihr selbstbewusstes politisches Auftreten gilt schon als anstößig genug in der wilhelminisch-prüden Zeit.

Arbeiten für die Revolution

Bis 1914 ist Luxemburg in Berlin als Lehrerin an der SPD-Parteischule tätig. Ihr Hauptwerk „Die Akkumulation des Kapitals“ wird als eigenständige Weiterentwicklung der Kolonialtheorie interpretiert. Um nicht an inneren Widersprüchen zu scheitern, also das Ungleichverhältnis von Produktivkräften und Konsumbedarf zu regeln, bedarf der Imperialismus einer fortwährenden Expansion. „Imperialismus“ nennt Luxemburg diese Entwicklung. Lenin schließt hier mit eigenen theoretischen Überlegungen an.

Wegen ihrer Reden gegen den Krieg kommt die SPD-Politikerin im Frühjahr 1914 ins Gefängnis. Die Sozialdemokratie schließt mit den anderen Parteien im Reichstag den sogenannten Burgfrieden: Angesichts des Krieges sollten alle innenpolitischen Konflikte stillgestellt werden. Das prangert die Antimilitaristin Luxemburg an und bildet mit Karl Liebknecht und anderen Kriegsgegnern innerhalb der Sozialdemokratie die Spartakusgruppe.

Zwei Jahre verbringt sie schließlich bis November 1918 im Gefängnis. Der Staat nimmt Luxemburg in Schutzhaft, um Gefahren abzuwenden, die von der aufrüherischen Politikerin für den inneren Frieden ausgehen würden. Aus dieser heraus begrüßt sie die Oktoberrevolution in Russland, übt jedoch scharfe Kritik am Vorgehen der Bolschewiki. Posthum erscheint diese 1922 als Schrift „Zur russischen Revolution“. „Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf“, schreibt sie, könne keine sozialistische Gesellschaft aufgebaut werden. Clara Zetkin versucht, die Veröffentlichung zu verhindern.

Am 8. November 1918 wird Luxemburg entlassen. Ihr Engagement gilt der Novemberrevolution, die sie gealtert und mit ergrautem Haar vorantreiben will. Mit Karl Liebknecht gehört sie 1918/1919 zu den Gründern der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Am 15. Januar 1919 werden beide Politiker von Soldaten konterrevolutionärer Reichswehreinheiten in Berlin ermordet. Diese schlagen Rosa Luxemburg mit einem Gewehrkolben zusammen und erschießen sie. Der Oberbefehlshaber der Reichswehr Gustav Noske (SPD) hatte solche Gewalttaten abgesegnet. Luxemburgs Leichnam wird in den Berliner Landwehrkanal geworfen und erst Monate später gefunden. Zehntausende nehmen an ihrer Bestattung auf dem Friedhof Friedrichsfelde neben dem Grab Karl Liebknechts teil.

Bewegung und Bildung statt Parteidiktat

Rosa Luxemburg vertritt eine besondere politische Position, welche sie bis heute interessant macht. Sie sieht, dass sich sowohl die auf Reformen setzende parlamentarisch orientierte SPD als auch die revolutionär-autoritären Bolschewiki als Vertreter der Proletarier verstehen. Sie wollen diese als Avantgarde anführen, ihre Fürsprecher sein. 

Luxemburg möchte die Unterdrückten selbst ermächtigen, damit eine gemeinsame Bewegung aller entsteht. Berufspolitikern kommt ihr zufolge die Aufgabe zu, die politische Bildung der Unterprivilegierten zu ermöglichen. In deutlichen Worten hält sie fest: „Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie haßt und verabscheut den Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte. Sie ist kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln, sondern die Aktion der großen Millionenmasse des Volkes.“

Auch die Sozialisten müssen demzufolge um Mehrheiten kämpfen, statt den Menschen das angeblich Richtige vorzuschreiben. In diesem Sinne und die sozialistischen Verhältnisse betreffend ist Luxemburgs berühmtestes Zitat zu verstehen: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit‘ zum Privilegium wird.“

Zwar grenzt sich Luxemburg immer von den Anarchisten stark ab – die innerhalb der sozialistischen Bewegung den Kontrapunkt zu den Marxisten bilden –, aber aus diesen Worten strahlt eine zentrale Erkenntnis der Anarchisten hervor: Befreite Verhältnisse sind ohne individuelle Freiheit nicht zu haben. Legt man das Hauptaugenmerk auf eine starre wie bürokratische Parteiorganisation, erstirbt alles individuelle Begehren. Der Kasernensozialismus kann dann in jenem massenmörderischen Charakter enden, den er im Stalinismus annimmt. Luxemburg selbst bezeichnet sich nicht als Marxistin, was Karl Marx auch nicht getan hätte. In ihren späteren Jahren setzt sie „Marxismus“ stets in Anführungsstriche. Sie gilt als eine der theoretischen Köpfe ihrer Zeit, der Nachfolger wie KPD-Anführer Ernst Thälmann nie hätten das Wasser reichen können.

Auch Luxemburg teilt den Glauben der Sozialdemokraten wie Kommunisten, dass das Proletariat irgendwie auserwählt war als revolutionäres Subjekt. Allerdings zählt sie jeden zur Arbeiterklasse, der sich in dieser organisiert und gegen die herrschenden Zustände ankämpft. Sie versteht Arbeiterklasse als Bewegung, nicht als Status oder per Geburt festgelegte Größe. Für Luxemburg stellt die richtige Haltung, die richtige Einstellung den Klassencharakter her. Im Gegensatz zu Lenins Idee von der Partei des neuen Typus, die das Proletariat anführen soll, denkt Luxemburg nicht, dass man dem Proletariat von außen die Revolutionsidee einimpfen kann. Diese muss im Innern der Arbeiterklasse entstehen, aus dieser heraus kommen. Man kann ihr nichts aufzwingen, ihr das richtige Bewusstsein überstülpen. Daher kommt Bildung für Luxemburg eine zentrale Bedeutung zu, lehrt sie in der Parteischule der SPD. Befreiung und Emanzipation verlagert sie nicht in eine Zeit nach der Machteroberung, ob die nun parlamentarisch oder revolutionär erfolgt. Sie beginnen in der Gegenwart mit kleinen Schritten. Dennoch setzt Luxemburg 1918/19 auf den traditionellen Revolutionsansatz, nicht auf ihre eigenen Überzeugungen. Und bezahlt das mit ihrem Leben. Ihr radikaldemokratischer Ansatz und ihre Ablehnung autoritärer Regierungsform inspiriert unter anderen die 1968-Studentenbewegung. Die Philosophin Hannah Arendt bezieht in ihrer Studie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ Gedanken von Luxemburg ein und lobt die Praxisbezogenheit ihrer Politik.

Fortwirken als Ikone autoritärer Staaten

Ihre Forderung nach demokratischer Mitsprache und Emanzipation in der Bewegung sowie das Festhalten von persönlicher Freiheit machen Rosa Luxemburg zur ungeeigneten Kandidatin für eine real-sozialistische Heldinnenverehrung. Dennoch machen sie die Stalinisten und auch die DDR-Regierung zu ihrer Ikone. Man ignoriert ihr theoretisches Werk, verschweigt ihre Kritik an der autoritären Regierungsform und betont Luxemburgs feige Ermordung. Ihre Schriften werden selektiv behandelt, eigenwillig interpretiert und der Aufsatz zur Russischen Revolution zum historischen Fehler erklärt. In der DDR benennt man einen zentralen Berliner Platz nach ihr. Man verehrt sie – zusammen mit Karl Liebknecht – als Revolutionäre und Arbeiterführer und legitimiert mit ihrem „Märtyrertod“ die eigene Existenz. Man stellt Denkmäler für sie auf, benennt Straßen, Schulen und andere Einrichtungen wie die Offiziershochschule der Grenztruppen in Suhl nach der Antimilitaristin.

Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands installiert einen eigenen propagandistischen Gedenkkult. Dazu wird der Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg zum Sozialistenfriedhof umgestaltet. In einem eingefriedeten Kreis steht eine Natursteinstele mit der Aufschrift „Die Toten mahnen uns“. Bei der geplanten Umbettung von Luxemburgs Grab findet man keine sterblichen Überreste in der ursprünglichen Grablege. Es handelt sich bei der Luxemburg-Platte auf dem Sozialistenfriedhof um ein symbolisches Grab. An jedem zweiten Januarsonntag wird dort bis 1989 eine Tribüne für die DDR-Führung aufgebaut und Menschenmassen werden als Trauerprozession daran vorbeigeführt.

Bis heute zieht an diesem Datum die Gedenkstelle viele Menschen an. Es beteiligen sich verschiedene linke Strömungen an den mehrere tausend Menschen umfassenden Demonstrationen – auch Vertreter, die weiterhin am von Rosa Luxemburg kritisierten Leninismus und anderen autoritären Sozialismusvorstellungen festhalten.