WESSIBOY MEETS OSSIGIRL

Interview mit Babette und Markus Kavka

von Sandra Strauß und Schwarwel

Foto: privat

Schwarwel: Ist Depeche Mode bei euch ein verbindendes Glied? 

Markus: Die Art und Weise, wie wir zusammengekommen sind, hatte zunächst gar nichts mit Depeche Mode zu tun, sehr wohl aber mit Musik.

Babette: Markus hatte irgendwann meine Radiosendung bei Radio Fritz gehört, dem Ost-Sender des RBB – wobei wir inzwischen natürlich kein Ost-Sender mehr sind. Später habe ich eine Fernsehsendung für den RBB produziert und dafür bei Markus’ Management angefragt. Aber wie das so ist: Berlin ist arm und der Osten noch viel ärmer. Wir hatten damals keine Kohle für die Gage. Der Manager von Markus meinte: „Die haben nie Kohle, ich sage das mal ab.“ Daraufhin fragte Markus: „Wer macht denn die Sendung?“ – „Babette Conrady von Radio Fritz.“ Und er sagte: „Nee, nee, nee. Ich höre immer ihre Sendung, ich mag ihren super Musikgeschmack und ihre Stimme. Ich mache da mit. Ich finde sie cool.“ So haben wir uns kennengelernt.

Markus: Bei dieser Fernsehsendung haben wir uns dann tatsächlich kennengelernt. Erst später haben wir herausgefunden, dass wir beide Depeche Mode mögen. Und Babettes Geschichte, wie sie zu Depeche Mode gekommen ist, hat wiederum sehr viel mit dem Osten zu tun – und mit ihrem Cousin Heiko.

Babette: Ich war eigentlich viel zu jung für die klassischen Depeche Mode-Fans. Aber mein Cousin hatte diese typische Diskobeleuchtung mit den Ampeln und wohnte in Thüringen. Bei ihm durfte ich auf seinem Kleiderschrank sitzen, während er Depeche Mode angemacht hat. Ich mochte schon immer melancholische Musik und deshalb hat mir Depeche Mode bereits mit sieben Jahren gefallen. Das hat sich durch mein ganzes Leben gezogen. Irgendwann war ich dann ein Riesenfan. Dave Gahan war auch meine erste große Liebe.

Markus: Keine Boygroup, sondern Depeche Mode!

Babette: Es gibt im Übrigen sehr peinliche Passagen in Markus’ Buch über Depeche Mode: Ich führte Tagebuch und war im Ferienlager. Eigentlich war ich in Jan verliebt. Jan, es tut mir bis heute leid. Irgendwann habe ich seinen Namen durchgestrichen und überall „Dave“ darübergeschrieben. Meine zweite große Liebe war Kurt Cobain.

Sandra: Wann habt ihr euch kennengelernt? 

Babette: 2012. 2015 haben wir geheiratet.

Schwarwel: Bemerkt ihr Unterschiede zwischen eurer Ost- und Westsozialisation? Spielt das in eurer Beziehung eine Rolle?

Babette: Markus kommt aus Bayern und seine Eltern sind in vielerlei Hinsicht sehr „ostig“. Zumindest, was Nächstenliebe betrifft.

Markus: Das sollte man ihnen mal so explizit sagen.

Babette: Für mich ist es immer schwierig, diese Position eindeutig zu beschreiben. Ich habe natürlich wahnsinnig viele Ost-Freunde, und wir sind alle halb und halb groß geworden: erst im Osten und dann nach der Wende. Natürlich spielt dabei auch die Sozialisation eine Rolle, weil unsere Eltern ihr komplettes Leben in der DDR verbracht haben. Wir erkennen uns in bestimmten Dingen wieder – zum Beispiel in einem gewissen Humor und einer bestimmten Art. Aber ich möchte es gar nicht so sehr darauf festlegen, ob es nun grundsätzlich Unterschiede gibt oder nicht.

Bei meinem ersten Freund bemerkte ich das zum Beispiel viel krasser. Ich war 20 und er kam aus Berlin-Kreuzberg. Ich habe damals total stark berlinert, er überhaupt nicht. Er hat vielmehr in einer Art Rapper-Sprache gesprochen, mit „der Burner“ im Sinne von „geil“. Bei der Generation, die im damaligen Westberlin aufgewachsen ist, wurde das Berlinern ja eher abgewöhnt. 

Markus: Ich hatte Ende der 1980er-Jahre eine Freundin, deren Verwandtschaft in Dresden lebte. Wir sind schon vor dem Mauerfall regelmäßig dorthin gefahren, und ich hatte immer eine Affinität zu Ostdeutschland.

Babette: Markus hat einen Ostmädchen-Fetisch.

Markus: Meine letzten ernsthaften Beziehungen nach dem Mauerfall hatte ich jedenfalls eigentlich nur mit Ostfrauen. Das kann kein Zufall sein. Und dass ich jetzt auch eine geheiratet habe, ist natürlich ebenfalls kein Zufall. Ich finde sie einfach cooler. Ich muss wirklich sagen: Vielleicht wäre ich, wenn die Mauer nicht gefallen wäre, heute alleinstehend und kreuzunglücklich. Aber so bin ich, wie es sich gehört, mit einer Ostberlinerin unter der Haube.

Sandra: Worin liegt deiner Meinung nach der Unterschied? Oder war es tatsächlich jedes Mal reiner Zufall?

Markus: Ich glaube schon, dass es einen Unterschied gibt. Die Ostfrauen, die ich kennengelernt habe, waren alle ein bisschen tougher. Ich finde, dass die Gleichstellung zwischen Mann und Frau im Osten – zumindest auf dem Papier – ein bisschen realer war als im Westen. Frauen sind dort ganz selbstverständlich arbeiten gegangen und haben auch viel mehr auf die Reihe bekommen. Das merkt man heute noch in der nächsten und übernächsten Generation. Da wird nicht herumgejammert und auch nicht so mädchen- oder prinzessinnenmäßig herumgetan, sondern es wird einfach gemacht. Das hat mich im Vergleich zu den West-Prinzesschen immer sehr beeindruckt.

Babette: Wobei man das natürlich nicht verallgemeinern darf. Ich habe sehr viele Freundinnen, die aus dem Westen kommen und total tough und selbstbewusst sind. Was stimmt und für mich persönlich wichtig ist: Für mich war es immer vollkommen klar, dass meine Mutter arbeitet. Das war nie eine Frage. Und auch, dass meine Eltern sich den Haushalt teilen, war selbstverständlich. Als ich später mitbekommen und andere Leute kennengelernt habe, bei denen die Mutter Hausfrau war, war das für mich erst einmal ungewohnt. Ohne das jetzt abwerten zu wollen – aber so etwas kannte ich einfach nicht.

Markus: Das ist zum Beispiel auch eine Parallele, die es bei uns gibt und die vielleicht erklärt, warum ich so ostaffin bin. Meine Eltern haben eine Ehe geführt, wie man sie eher aus dem Osten kennt. Beide waren berufstätig. Für meine Mama war es selbstverständlich, dass sie kurz nach meiner Geburt wieder arbeiten geht und auch bis zur Rente gearbeitet hat. Mein Bruder und ich waren deshalb die meiste Zeit bei unseren Großeltern. Es gab überhaupt keine Diskussion darüber, dass meine Mama arbeiten geht. Und selbst, als es irgendwann finanziell gar nicht mehr zwingend notwendig gewesen wäre, dass beide Eltern arbeiten, war das für meine Eltern einfach normal. Sie konnten sich gar nicht vorstellen, es anders zu machen. Deswegen war unser Lebensentwurf in unserer Kindheit und Jugend gar nicht so viel anders.

Babette: Was natürlich ebenso ein Stück weit den Osten ausmacht – wobei man auch da immer differenzieren muss –, ist die Sozialisation. Es ist vollkommen klar, dass man eingeschränkt war, und ich glaube, das können wir alle unterschreiben, und zwar in vielerlei Hinsicht. Man hat sein Leben deshalb sehr stark ins Private gelegt. Das kenne ich von meinen Eltern bis heute. Wir hatten immer wahnsinnig viel Besuch. Wenn sie politisch diskutiert haben, haben sie das unter sich gemacht – mit Menschen, denen sie vertrauten. Was man dadurch natürlich ein Stück weit an Sozialisation mitbringt, ist dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft. Das ist bis heute bei mir so. Ich bin da ein voller Hippie. Ich lade unfassbar viele Menschen zu uns nach Hause ein und mag diese Tische, an denen offen gesprochen und diskutiert wird. Das ist definitiv etwas, das ich aus dieser Sozialisation mitgenommen habe: dass man gesellig ist, sich an Menschen hält, die einem guttun, die bestimmte Eigenschaften und Einstellungen teilen, und dass man mit diesen Menschen seine Zeit verbringt. 

Markus: Da gibt es auch wieder eine Parallele zwischen uns. Ich komme nicht aus München oder einer anderen größeren Stadt in Westdeutschland, sondern aus einem kleinen Dorf in Bayern. Auch dort wurde dieser Zusammenhalt großgeschrieben. Nicht nur der familiäre Zusammenhalt, sondern auch dieses „Jeder kennt jeden“ im Dorf. Der eine bringt Äpfel vorbei, der andere nimmt einen Schnaps mit und so weiter. Das war auch etwas sehr Positives und gar nicht so anders als das, was Babette gerade über den Osten beschreibt. Wir haben unser Ost-West-Ding eigentlich nie als Thema empfunden, weil es für uns so normal und selbstverständlich war. Aber gut, dass wir mal darüber reden.   

Biografien:

Babette Kavka ist das, was man eine waschechte Berliner Perle nennt. In Berlin Pankow geboren, wuchs sie zwischen Stelzen laufenden Clowns und Theaterspieler:innen auf. Schon während der Schulzeit begann sie, in zahlreichen Bands zu singen und schulte auf Tour mit den Jungs nicht nur ihre Stimme. Babette ist eine Macherin. Ihr Körper, ihr Geist und ihr Mundwerk sind ständig in Bewegung. Babette kommt rum und gestaltet als Moderatorin und DJ das kulturelle Geschehen der Hauptstadt mit. Seit Ende ihres Studiums der Kulturwissenschaft und neuerer deutscher Literatur war sie fester Bestandteil des Moderator:innen-Kaders vom Radio FRITZ des rbb und gestaltete auch ihre eigene Sendung „Nightflight“ redaktionell. Die Berliner kennen sie auch als „betty ford“ hinterm Plattenteller und aus den rbb Sendungen „Ein Sofa in Berlin“ und „Unterwegs durch die Neujahrsnacht“. Des Weiteren absolvierte Babette Gastauftritte bei on3 Südwild, ProSieben „red! – so tickt Berlin”, bei der rbb Sendung „Stilbruch“ und „Die 30 außergewöhnlichsten Berliner Brücken“. Seit einigen Jahren arbeitet Babette nun als Werbefilmregisseurin und -Produzentin.

Markus Kavka, *1967, ist Moderator, Autor und DJ aus Berlin. Nach seinem Studium der Theater- und Kommunikationswissenschaften in Erlangen führte ihn sein Weg ins Fernsehen zu den Musiksendern VIVA und VIVA2, später MTV, wo er mit Sendungen wie den „MTV News“ zu einem der bekanntesten Gesichter avancierte. Nach MTV war er mit der Interview-Doku „Number One“ bei Kabel Eins und ZDFkultur zu sehen sowie als Fußball-Moderator bei RTLnitro. Seit 2014 ist er Moderator des Kurzfilm-Magazins „Unicato“ beim MDR, seit 2015 ist er auch regelmäßig bei „Deluxe Music“ zu sehen. Außerdem präsentiert er seine Sendung „KavkaFM“ beim Radiosender egoFM. Seit Ende der 1990er ist Markus auch regelmäßig als DJ unterwegs. Überdies ist er als Autor tätig. Sein Buch „Markus Kavka über Depeche Mode“ wurde 2020 im KiWi Verlag veröffentlicht, gemeinsam mit Elmar Giglinger erschien ihr Spiegel-Bestseller „MTViva liebt dich!“ 2023 bei Ullstein und 2026 erschien ebenso bei Ullstein „FC Bayern München – Eine Liebeserklärung“. Markus unterstützt aktiv die gemeinnützigen Organisationen „Freunde fürs Leben“ und „Junge Helden“.