WISSENSFENSTER: DER GENÜGSAME UMGANG MIT LEBENSMITTELN
DDR-Kochbücher als ideologische Trojaner
von Nancy Nilgen

Sie stehen in nahezu jedem Küchenregal. Mal bunt bebildert, mal reich an Text und mal als Sammlung. Sie sollen uns Inspiration und Ratschläge geben und verraten dabei viel über unsere eigene Ernährungsweise – oder wahrscheinlich eher darüber, wie wir uns gern ernähren würden. Dass etwas so Alltägliches wie Kochbücher auch ein politisches Werkzeug sein können, vermutet man erst einmal nicht.
Die Nationalsozialisten haben es vorgemacht. Mit den 30er Jahren verschwinden nicht nur althergebrachte französische Bezeichnungen wie die Serviette oder das Tranchieren zunehmend aus den deutschsprachigen Kochbüchern, sondern auch alle Zutaten, die man in das damalige Reich hätte importieren müssen. Man verfolgte damit zum einen das Ziel, die deutsche Bevölkerung in Vorbereitung auf einen Krieg autark ernähren zu können. Zum anderen bot sich hier eine weitere Möglichkeit, die ideologische Erziehung bis in die privaten vier Wände eindringen zu lassen.
In der DDR galt wiederum die Direktive, die Leserschaft der Haushaltsratgeber zu sozialistischen Persönlichkeiten heranzuziehen. Diesen Auftrag sollte der parteieigene Kochbuchmonopolist Verlag für die Frau mit erfüllen. Für die Ratgeber zur Kindererziehung, die der Verlag auch veröffentlichte, schien diese Aufgabe vergleichsweise einfach umsetzbar. Aber wie sollte denn das Koch- und Ernährungsverhalten einer sozialistischen Persönlichkeit aussehen? Der genügsame Umgang mit Lebensmitteln zugunsten der Volkswirtschaft? Die Abkehr zum scheinbar unersättlichen Konsumverhalten des Klassenfeindes? Oder anders gesagt, die bereitwillige Akzeptanz der Mangelwirtschaft? Augenscheinlich genau das.
Kurz nach Kriegsende gab es zunächst noch keine neuen Kochbücher. Das galt für alle Besatzungszonen. Lebensmittel und Papier wurden erheblich rationiert und lediglich kleine Rezeptheftchen sollten zu dieser Zeit Hilfestellung bei der Versorgung der Familie leisten. Während mit dem sogenannten Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik bereits Anfang der 50er Jahre wieder die ersten Hochglanzkochbücher mit prallgefüllten Zutatenlisten erschienen, sollte es fast noch zehn weitere Jahre dauern, bis die letzten Lebensmittelkarten in der DDR abgeschafft wurden. Freilich gab es auch hier bereits wieder Kochbücher, allerdings bediente sich der Verlag für die Frau zunächst an Vorlagen aus Kriegszeiten. Sparsamkeit war beim Kochen zunächst oberstes Gebot. Ab den 60er Jahren genügte dies der Leserschaft allerdings nicht mehr. Die DDR-BürgerInnen wollten endlich wieder richtig zulangen.
Die verantwortlichen SED-Funktionäre wussten spätestens seit dem 17. Juni 1953, dass eine Versorgungskrise systemsprengende Kraft haben konnte. Die Erinnerung an jenen Aufstand schwang bei vielen konsumpolitischen Entscheidungen der darauffolgenden Jahrzehnte mit. Frei nach dem Motto „mit vollem Bauch macht man keine Revolution“ tat man alles daran, zumindest die Verfügbarkeit der sättigenden Grundnahrungsmittel nicht nur zu sichern, sondern sogar beträchtlich zu subventionieren. Dass die Rezepte der DDR-Kochbücher fast ausschließlich mit eben jenen Grundnahrungsmitteln auskommen mussten, wundert daher nicht. Lehnten sich die VerlagsmitarbeiterInnen bei der Zutatenliste zu weit aus dem Fenster, wurde noch vor Druckgenehmigung rigoros der Anteil von Import-Lebensmitteln von der Zensur gestrichen. Dies machte es nahezu unmöglich, eine gesündere Ernährungsweise zu propagieren.
Allerdings sollte der Verlag auch das mittels der Kochbücher zu Wege bringen. Mit der Sicherung der Grundnahrungsmittel war die Bevölkerung – so zumindest die Idee der SED-Funktionäre – zu satt für eine Revolution. Stattdessen ernährten sich viele derart ungesund, dass ExpertInnen Alarm schlugen. Diätkochbücher wurden so Teil einer groß angelegten staatlichen Kampagne, um der sogenannten Fresswelle Einhalt zu gebieten.
Aber dem erheblichen Mangel an Lebensmittelvielfalt, vor allem in Bezug auf frisches Obst und Gemüse, konnte die defizitäre DDR-Planwirtschaft nichts entgegenhalten. Ganz im Gegenteil: Die Versorgungslage wurde spätestens mit Beginn der 80er Jahre zunehmend schlimmer. Auch das ist aus den Kochbüchern dieser Zeit ablesbar. Man besann sich wieder auf Strategien der Nachkriegszeit und bot den LeserInnen zum Beispiel Tipps für die Zubereitung von Lebensmitteln aus privaten Schrebergärten an und publizierte vermehrt Rezepte für gesammelte Pilze oder selbstgeangelte Fische.
Auch die regionalen Küchen des Landes erlebten zu dieser Zeit eine erstaunliche Renaissance. Die DDR-Führung hatte jahrzehntelang versucht, dies zu verhindern. Nicht zuletzt um eine einheitliche Nationalküche zu konstruieren und damit eine gemeinsame Identität zur Legitimation des SED-Regimes zu schaffen. Nun war man aber gezwungen den wirtschaftlichen Vorteilen regionaler Küchen klein beizugeben.
Geholfen hat es bekanntermaßen nicht mehr. Die Revolution kam doch. Denn die Menschen in der DDR hungerten nicht nach Brot, Kartoffeln und Kohl, sondern nach Freiheit und Demokratie.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Lieder unserer Heimat – Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden”
