WISSENSFENSTER: KINDHEIT IN DER DDR

Der Kindergarten, die Grundschule und die Jungen Pioniere

von Tobias Prüwer

„Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“: Aus dem Kopf bekommen werde ich dieses Lied nimmermehr. Auf ewig wird es für mich der DDR-Soundtrack sein. Auch als Kind schwirrte es immer um mich herum, auch wenn mir das damals schon zu getragen vorkam; vielleicht, weil ich dieses stimmliche Hoch-Tief-Hoch selbst nicht hinbekam. Geier Sturzflugs „Bruttosozialprodukt“ intonierte ich dafür viel öfter im Kindergarten. Dessen ironischen Kern bekam ich natürlich nicht mit und Ärger über das Westexport-Liedgut gab es auch nicht von den Erzieherinnen. Das wird anderen anderswo anders ergangen sein.

Meine Erfurter Kindheit durchlief im Vollprogramm der DDR-Pädagogik der 1980er. Da die DDR-Frauen im Gegensatz zur dominierenden Hausfrauen- und Mutterrolle der Bundesrepublik fast alle berufstätig waren, gab es ein umfassendes Netz der Kinderbetreuung. Kleinkinder kamen in den 1970er und 1980er Jahren nach 20 Wochen in die Kinderkrippe – wie ich. Ab drei Jahren folgte dann der Kindergarten. Meine Erinnerungen an diese Jahre schillern bunt und fröhlich. Als Einzelkind war ich über Spielgefährten dankbar, wir bastelten und musizierten, lernten die Zahlen und Schnürsenkelbinden, tobten im Freien durch die vier Jahreszeiten und machten Kinderquatsch. Vom Staatsziel, mit der Rundumbetreuung kleine sozialistische Persönlichkeiten auszubilden, merkte ich nichts. Vielleicht war das der Plan. Ob der aufging? Auf die – wie ich später fand – geschmacklose Idee, das Challenger-Unglück mit Plaste-Steckbausteinen nachzuspielen, kam ich jedenfalls von selbst. Und ein „Loch im Kopf“ hätte ich mir als Ungestüm auch an einer Heizung im Westen geholt.

Vollbetreuung herrschte auch in der Schule mit angeschlossenem Hort, wo ich Hausaufgaben machte und danach spielen, basteln, mich selbst beschäftigen konnte. Das lief insgesamt leger und auch die Ferien verbrachte ich oft im Hort – wenn wir nicht gerade verreisten – mit Ausflügen und dergleichen. Allerdings schien es für mich damals auch selbstverständlich, dass man sich mit einer Gute-Vorsatz-Liste (fleißig sein, gute Noten, nett zu den Eltern …) zum Republikgeburtstag selbst verpflichten sollte. An der „Solidarität mit den Kindern in Nicaragua“ fand ich ebenso wenig Schlimmes wie am „Weltfrieden“.

In die Schule wollte ich ursprünglich gar nicht, Stillsitzen und Frontalunterricht waren nicht meine Sache. Als ich dann lesen konnte, eröffnete sich mir eine neue Welt. Von den DDR-Presseerzeugnissen für Kinder las ich am liebsten die Bildgeschichten; die Worte Cartoon und Comics kannte ich zunächst nicht. Begeistert war ich von den in der Weltgeschichte herumturnenden Abrafaxen im „Mosaik“ (Mein Papa kannte die Frau am Kiosk gut, so dass ich diese Bückware jeden Monat lesen konnte). Die Witzqualität in der „Frösi“ („Fröhlich sein und Singen“) und im „Atze“ waren da schon gemischter und hier waren auch heroische Texte zu lesen, etwa vom antifaschistischen Partisanenkampf im Zweiten Weltkrieg.

Solche Themen kamen hin und wieder auch neben Blätterbestimmen im Heimatkundeunterricht vor. Das war für mich weit weg und ich verstand sie als klassische Heldenerzählungen, so wie ich die griechischen Mythen verschlang. Meine Mama hortete die oft schwer zu bekommenden Kinderbücher seit meiner Geburt, so dass ich immer vielfältigen Lesestoff hatte. Wenn die Oma mal auf Westbesuch war, brachte sie „Das lustige Taschenbuch“ und „Fix und Foxi“ mit.

Mit dem blauen Halstuch konnte ich wohl genauso viel anfangen wie meine Mitschüler. Man trug es manchmal zum weißen Hemd, meistens aber gestaltete sich die Mitgliedschaft bei den Jungpionieren als gemeinsame Nachmittage ohne Uniform, in denen wir uns mit allem Möglichen beschäftigten. Tüfteln mit dem Stabilbaukasten für die „Messe der Meister von morgen“ und Matheolympiaden kann man als Leistungsstriezen interpretieren, mich trieben vielmehr Spaß und denksportlicher Ehrgeiz an. Kastanien für die Wildtiere sammelte ich genauso wie Altpapier und -glas beim Wettstreit mit anderen Klassen. Dass ich damit auch einen Beitrag für die DDR-Wirtschaft leistete, war mir nicht bewusst. Ausgereicht zu ihrer Rettung hat er offensichtlich nicht.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht im Buch „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer”