EIN TOCHTER-MOM-GESPRÄCH
von Pauline und Victoria Jankowicz

Pauline: Du bist im August 1988 geboren. Das heißt, in der DDR hast du vielleicht noch knapp ein Jahr gelebt, aber nichts bewusst wahrgenommen. Trotzdem möchte ich dir zum Thema „Lebensrealitäten von Frauen in der DDR“ Fragen stellen, weil du im spannenden Prozess der Nachwendezeit aufgewachsen bist — was, wie ich das sehe, auch sehr wichtig ist, um das Thema umfassend zu behandeln. Vielleicht zunächst ganz allgemein: Wie präsent war die Geschichte der DDR beziehungsweise der deutsch-deutschen Teilung in deiner Kindheit und Jugend so kurz nach der Wende? Hat euch das interessiert? Wurde mit euch darüber gesprochen?
Vic: Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich nicht als „explizit ostdeutsch“ oder „DDR-Kind“ identifiziert habe. Es gab eher Situationen, in denen ich irritiert war, wenn ich so behandelt wurde. Ich hatte den Eindruck, dass es, wenn überhaupt, eher in Bezug auf meine Großeltern oder meine Eltern eine Rolle spielte. Zudem habe ich einen Teil meiner Familiengeschichte auch erst nach und nach mitbekommen. Deshalb kann ich im Nachhinein erst erkennen, dass bestimmte Dinge nicht einfach nur Geschichten sind, die in meiner persönlichen Familie oder ihrer Vergangenheit passierten, sondern dass es ganz klar Zusammenhänge zum DDR-System gab. Als Kind war mir das weniger bewusst.
Ich war natürlich ein typisches Krippen- und Kita-Kind. Meine Krippe und alles drumherum habe ich noch vor Augen. Das war eher ein Ost-Phänomen, dass man so klein schon in die Krippe ging, viele Stunden am Tag dort war – dass das so wichtige Orte waren. In den Jahren direkt nach der Wende war es noch sehr so, wie es vorher gewesen war. Und auch dass meine Oma das Babyjahr genommen hat – meine Mutter war sehr jung, die hat noch ihre Ausbildung gemacht –, war in der DDR so möglich und auch relativ normal, im Gegensatz zu heute. Ansonsten war meine Kindheit eher typisch Neunzigerjahre. Sie war sehr von Konsum und Popkultur geprägt, weniger von diesem ehemaligen repressiven System. Das war dann auch nicht so Thema, außer natürlich in dem, was meine Großeltern an Klamotten getragen haben, wie die Wohnungen aussahen. Darin war es natürlich irgendwie schon noch präsent.
Pauline: All die Frauen in deiner Familie – das sind lange die wichtigsten Menschen in deinem Leben gewesen – haben bis dato ihr gesamtes Leben in einem Staat verbracht, den es dann nicht mehr gab. Kannst du im Nachhinein sagen, was das mit ihnen gemacht hat?
Vic: Mein Eindruck ist, dass vor allem meine Großmütter diese Brüche ganz stark erlebt haben. Sie waren in meinem Aufwachsen auch präsenter als die Großväter. Meine eine Großmutter wurde zum Beispiel als Baby zurückgelassen, weil die Mutter in den Westen ging. Dieses Phänomen gab es oft und es war auch präsent in meiner Kindheit, weil meine Oma natürlich Spuren davon getragen hat. Ihre Mutter hatte dann auch immer mal wieder angerufen, was meine Oma immer aus der Bahn warf. Sie war überfordert, wie sie damit umgehen sollte. Das ging noch bis vor kurzem, als ihre Mutter starb und sie von Ämtern angeschrieben wurde, weil sie die Bestattungskosten tragen sollte. Sie hat das nicht eingesehen und dann einen Brief an Gregor Gysi geschrieben. Sie bat darin um eine Ausnahmeregelung, damit sie die Gebühren nicht übernehmen muss, da sie ein verlassenes Kind ist. Und tatsächlich wurden sie ihr erlassen – in einer Art Sonderverfahren, weil es dafür keine Rechtsgrundlage gibt.
Dieselbe Oma hatte „zu Ostzeiten“ — wie sie immer sagen würde – eine gute Karriere gehabt, obwohl sie keinen hohen Schulabschluss hatte. Sie hatte eine leitende Funktion beim VEB Gemüse oder so am Kohlrabizirkus und da wirklich etwas zu sagen. Mit der Wende und den neuen Bestimmungen war das dann vorbei. War eben kein dezidierter Arbeiter:innen-Staat mehr. Es ging mehr um Abschlüsse und Zeugnisse.
Meine andere Oma ist Migrantin aus der Tschechoslowakei. Als sie damals hier nach Leipzig kam, hatte sie schon Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Aber ich glaube, es war zu DDR-Zeiten trotzdem noch etwas leichter als nach der Wende.
Auf der anderen Seite war es bei meiner Mutter so, dass sie in der DDR nicht einfach aufs Gymnasium gehen und dann studieren konnte. Ich glaube, meine Mutter wäre gerne Ärztin geworden. Das war aber nichts, was ihr offenstand. Das gehört auch zur Wahrheit. Sie wurde Krankenpflegerin und hatte dann auch noch ein kleines Kind. Ich weiß nicht, ob sie außerhalb des DDR-Systems in dem jungen Alter schon ein Kind bekommen hätte, wenn es nicht so gewesen wäre, dass die Großmütter auch die Babyzeit nehmen können etc. Ist also ein zweischneidiges Schwert. Es gibt, glaube ich, schon Erzählungen von meinen Großeltern, dass es zu Ostzeiten eigentlich besser war, dass sie viel verloren haben durch die Wende. Gleichzeitig ist aber auch Fakt, dass sie unter Aspekten des SED-Regimes gelitten haben.
Pauline: Kannst du noch mal verschärfen, wie sich dieser Umbruch auf ihre Rolle innerhalb der Familie ausgewirkt hat? Also über diese persönlichen Geschichten hinaus auf ihre familiäre Rolle als Mutter, als Oma? Denkst du, sie hatten Schwierigkeiten in dieser veränderungsreichen Zeit diese Rolle weiterhin auszuführen?
Vic: Ich hatte das Gefühl, dass meine Mutter das eigentlich eher gut fand, also dass sie schon auch ein bisschen Teil dieser Widerstandsbewegung war, wenn auch nicht total aktiv. Sie fand gut, dass Systemveränderungen stattfanden, dass es größere Freiheiten gibt. Wir sind viel in den Urlaub gefahren, auch klassisch Neunziger. Oft halt in so einem typischen All-Inclusive Gran-Canaria-Urlaub mit Kinderbetreuung. Meine Mutter hat auch gerne popkulturell konsumiert, sowohl Fernsehen als auch Musik. Und wenn es da etwas Cooles zu kaufen gab oder irgendwelche neuen kleinen Süßigkeiten, dann war sie da empfänglich und hat uns das gerne mitgebracht. Also würde ich schon sagen, dass sie in diesem neuen Staat aufgegangen ist. Gleichzeitig war sie aber mehr oder weniger die Alleinverdienerin in der Familie, zumindest was die klassische Arbeitstätigkeit angeht. Daher hat sie als Pflegekraft viel gearbeitet und war auch viel erschöpft. Ich weiß jetzt nicht, wie viel das mit der Systemveränderung zu tun hat.
Und bei meinen Großeltern ist es so, dass sie Schwierigkeiten hatten, Anschluss auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Sie waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht so alt, hatten also eigentlich noch ein paar Jahre Berufstätigkeit vor sich. Aber sie haben nach der Wende „nur“ Hilfstätigkeiten gemacht. Etwa meine eine Oma in der Spielothek, da gab es auch Überfälle. Dort hatte sie keine Möglichkeit, richtig auf einen grünen Zweig zu kommen. Und bei meiner anderen Oma gab es halt den VEB Gemüse und ihre Leitungsfunktion nicht mehr. Das hat vermutlich am Selbstbewusstsein gekratzt.
Meine Großmutter mit dem Migrationshintergrund hatte vorher ihre Wohnung untervermietet und da eigentlich immer Messegäste beherbergt. Dann war die Messe aber nicht mehr so ein großes Thema, womit ihr diese Einnahmequelle und auch diese Rolle als Gastgeberin verloren ging, die ihr sehr gut stand und Teil ihrer Identität war.
Dadurch entsteht wohlmöglich diese Erzählung, dass man mit dem, was man vorher war – was man konnte, was man gelernt hatte –, im Osten auch ohne den richtigen Abschluss jemand sein konnte. Da war es eben möglich, sich hochzuarbeiten. Dieses Gefühl, dass man ganz schön viel durch die Wende verloren hat, gibt es auch. Und irgendwo trifft diese „früher war alles besser“-Sache aus ihrer Perspektive vielleicht zum Teil auch zu. Es gibt da schon einen Unterschied zwischen meiner Großeltern- und meiner Elterngeneration. Letztere sind alle sehr jung, weshalb es sie weniger getroffen haben mag.
Pauline: Es gibt ja auch noch heute viele Stereotypen über „die Frau aus der DDR“. Wenn du das reflektierst, gibt es da bestimmte Eigenschaften, die viele Frauen aus der ehemaligen SED-Diktatur teilen?
Vic: Als Kind habe ich den Kontrast zwischen westdeutschen und ostdeutschen Frauen nicht so gespürt, weil die ostdeutschen Frauen meine Realität waren. Das waren berufstätige Frauen, bei denen es normal war, zu arbeiten und schon früh im Leben berufstätig zu sein. Ich erinnere mich, dass mich total irritiert hat, dass es in der Schule Kinder gab, deren Mütter nicht arbeiteten. Mütter, die einfach zu Hause waren, weil sie ja Kinder hatten. Das existierte für mich nicht und war auch ein nichtexistenter Grund. Ich weiß nicht, wie ich das fand. Ich glaube, ich hatte schon auch ein Gefühl von: Oha, cool, die Mutter ist oft zu Hause. Aber ich fand es auch okay, daheim meine Ruhe zu haben. Das gab mir eine gewisse Freiheit.
Ansonsten habe ich den Eindruck, dass das sehr unterschiedlich ist. Ich würde sagen, es unterscheidet sich schon von dem Klischeebild der christlichen westdeutschen Frau, die zu Hause bleibt, bis die Kinder in die Schule gehen, und die darüber hinaus sehr häuslich ist.
Bei ostdeutschen Frauen sah ich, dass das Leben nicht nur um das Haus zentriert ist.Nicht so: Hier im Haus mache ich irgendwie alles ordentlich und verbringe sehr viel Zeit, sondern dass die Arbeit viel mit Identität zu tun hat. Was arbeite ich, was ist meine Aufgabe? Was habe ich für eine Position? Aber auch die Gemeinschaft, die damit einhergeht. Das Kollegiale ist wichtig, mit welchen Leuten ich zusammenarbeite.
Pauline: Ein weitverbreitetes Stereotyp über die Frau aus der DDR ist ja, dass sie total emanzipiert und gleichberechtigt war, was vielleicht auch in Teilen mehr gestimmt hat als im Westen. Dennoch wissen wir auch, dass viele Mütter in der DDR zwar meist Vollzeit gearbeitet haben, aber dennoch den Löwenanteil der Care-Arbeit in der Familie, im Haushalt verrichteten und so eine Doppelschicht fuhren. Wie sah das bei dir aus in der Familie?
Vic: Bei mir war es nicht so. Vor allen Dingen Kochen, Küche und so weiter war auf jeden Fall nicht der Zuständigkeitsbereich meiner Mutter. Sie war auch die Person mit dem Führerschein und dem Auto. Da waren wir aber, glaube ich, relativ untypisch.
Pauline: Wenn du über den Tellerrand deiner eigenen Familie hinaus blickst: War das bei deinen Freundinnen und deren Eltern auch so?
Vic: Es gab auf jeden Fall diese Fälle, aber auch die Familien, in denen die Mutter zu Hause geblieben ist. Ich habe definitiv noch den Eindruck von erschöpften Müttern — das kann ich sagen, dass Muttersein und gleichzeitig arbeiten viel ist.
Es gab aber wohl auch schon Anfänge von Gesprächen darüber, wie man es aufteilen sollte. Auf jeden Fall war die Beteiligung der Kinder im Haushalt irgendwie ein großes Thema. Und es gab auch viel, was heute unüblich ist und damals noch sehr normal war. So Dinge wie Treppendienst zum Beispiel. Also dass man einmal die Woche die Treppe kehren muss und wer das macht. Das war dann oft eine Aufgabe, die eigentlich Kinder erledigen sollten. Das haben wir natürlich super ungern gemacht. Und ganz früher gab es ja auch noch Kohleheizungen, da musste man Kohlen aus dem Keller holen und die Asche aus dem Ofen wegmachen. Das waren alles noch Rückstände, die im DDR-Alltag normal gewesen waren.
Pauline: Denkst du denn, dass sich die gesellschaftliche Rolle von Frauen in Ostdeutschland durch die Wiedervereinigung geändert hat, vielleicht durch verstärkte westliche Einflüsse? Du meinst ja, dass viele Frauen eigentlich noch Vollzeit gearbeitet hatten, dann aber wiederum auch einige zu Hause geblieben sind.
Vic: Erstmal kann ich sagen: Das Frauenbild, mit dem ich aufgewachsen bin, war das Frauenbild der Neunzigerjahre. Für mich als Heranwachsende war das extrem durch Popkultur beeinflusst. Das heißt, Britney Spears, sexy Lady in sehr knappen Klamotten – solche Schönheitsideale. Die „Bild der Frau“ hat meine Oma gelesen. Meine Großmütter waren immer auf Diät. Meine Großmutter hat sich stets geschminkt, auch wenn sie nur zum Müll runterbringen gegangen ist. Sie sagte immer, man wisse ja nie, wen man trifft. Vielleicht treffe ich heute den Mann meines Lebens. Und das hat mich auf jeden Fall geprägt. Dieses immer auf die Figur achten und es war dauernd Thema, dass man irgendwie zugenommen hatte, dass man abgenommen hatte, selbst wenn sie krank waren. Ich kann schlecht einschätzen, wie das vorher war. Meine Vermutung wäre, dass es vielleicht nicht so extrem war, aber es ist vielleicht auch falsch, irgendwoher müssen das meine Großeltern schon gehabt haben. Das ist mir auf jeden Fall noch vor Augen, dieses sexy und attraktiv sein, gut aussehen für Männer.
Pauline: Im Gegensatz zu den vorherigen Generationen bist du mit zahlreichen Einflüssen aus dem Westen aufgewachsen, die sehr prägend für dich waren. Hast du dadurch eine Entfremdung zwischen dir und den Frauen erlebt, die noch vollständig in der DDR sozialisiert wurden? Und habt ihr darüber gesprochen?
Vic: Es gibt immer Entfremdung zwischen Generationen, aber ich glaube, wenn, dann ist das eher heute für mich präsent. Bezüglich meiner Großmütter – ich glaube, ich fand es mit diesem permanenten Abnehmen schon immer irgendwie irritierend, aber es waren eben meine Großmütter. Da fand ich eben manche Dinge, die sie so machen, auch ein bisschen komisch. Aber ich dachte, das sei einfach „wie sie so sind.“ Meine eine Oma zum Beispiel ist so ein Typ „Kann ich bitte den Manager sprechen?“ Also eine sehr starke Frau, die kein Problem hat, sich mit Leuten anzulegen. Aber als Kind war mir das sehr unangenehm. Das hat aber vielleicht eher mit ihrer Persönlichkeit zu tun und nicht so sehr mit diesem System.
Ich würde eher sagen, dass die Distanz heute etwas größer wird, weil ich mich selbst zum Beispiel als queer identifizieren würde – und generell wie mein Leben sowie meine Lebensweise sind. Da ist es eher eine Distanz, bei der ich jetzt sagen würde: Okay, das sind dann Diskurse, Themen, Meinungen und Einstellungen, die sich bei mir entwickelt haben, die – glaube ich – relativ weit weg sind von der Realität meiner Großeltern. Meine Eltern sind dazwischen und kommen da noch ganz gut mit. Aber bei meinen Großeltern ist nicht viel Anschlussfähigkeit bei diesen Themen. Das hast du aber als Jugendliche oder als Kind nie wahrgenommen.
Pauline: Haben sie da nie irgendeine Irritation gezeigt, von wegen: „Das hatte ich so aber in deinem Alter nicht, diese und jene Freiheit hatten wir aber nicht“?
Vic: Meine Eltern auf keinen Fall, die waren wahrscheinlich einfach auch selbst zu jung und auch zu Punk. Meine Großeltern waren dem Konsum sehr zugetan. Die haben gern Weihnachtsgeschenke geshoppt und waren immer froh, wenn sie ihre Enkelin happy machen konnten.
Pauline: Vielleicht mal einen Sprung aus der Familie hinaus: Frauen machen und machten einen großen Anteil der Erziehungs- und Bildungsfachkräfte in Kitas und Schulen der DDR aus. Hattest du dann noch viele Erzieherinnen oder Lehrerinnen, die den größten Teil ihres Berufslebens in der DDR verbracht hatten? Gab es bei ihnen Verhaltensweisen oder Einstellungen, die genau darauf zurückzuführen sein konnten?
Vic: Oh ja, auf jeden Fall. Ich hatte überwiegend Lehrerinnen am Gymnasium, die noch in der DDR sozialisiert worden waren. Das waren Leute, die einen sehr strengen Stiefel gefahren sind. Sie waren sicherlich noch von der DDR-Pädagogik geprägt. Anschreien, sehr wenig Verständnis für kindliches Verhalten, sehr rigides Regiment – sowohl im Kindergarten als auch in der Schule. Solche, die auch die aufkommende Kuschelpädagogik eher ablehnen.
Wir mussten im Grundschulhort noch auf Holzpritschen Mittagsschlaf machen. Wir durften nicht miteinander reden und mussten unsere Gliedmaßen innerhalb der Pritsche behalten. Und wenn nicht, dann gab es Gemecker – überhaupt gab es sehr viel Gemecker. Ich weiß noch immer, wie wir als Kinder versucht haben, das zu umgehen. Wenn sie nicht hinguckten, haben wir kleine Matchbox-Autos unter den Holzpritschen durchgeschoben.
Auch einfach Lehrerinnen, bei denen man sich gefragt hat: Warum machst du eigentlich diesen Job, wenn du kein Bock auf Kinder hast? Aber das gibt es ja heute auch noch. Das hat nicht wenig dazu beigetragen, dass ich Erziehungswissenschaften studiert habe, heute in pädagogischen Feldern unterwegs bin und da eine sehr klare Einstellung habe, dass man so nicht mit Kindern umgehen sollte.
Pauline: Wie bei so vielen Stereotypen wird klar, dass es die eine „Frau aus der DDR“ natürlich nicht gibt, weil sie ganz viele verschiedene Facetten haben. Aber wenn du dir die ganzen Frauen in deinem Leben so angschaust: Wer ist die DDR-Frau für dich, welche Charakteristiken stechen heraus?
Vic: Na ja, das wäre wohl immer noch ein Stereotyp. Ich kann es so nicht sagen, weil jede Person eigene Umgangsweisen mit diesem System hatte. Was mir immer wieder auffällt, ist eine ganz irritierende Weise, eine Art Doppelleben zu führen — aber ich würde sagen, dass das nicht nur für Frauen gilt. Damals gab es ein öffentliches Leben, wo viele Dinge verboten waren. Und wenn etwas verboten war, musste man aufpassen, was man sagte, weil das Gegenüber vielleicht bei der Stasi war. Gleichzeitig existierte so eine vorgetäuschte Systemtreue, die vielleicht auch wenig hinterfragt wurde.
Ich denke, viele fanden Etliches davon auch ziemlich sinnlos. Es war eben die Normalität und man hat es halt irgendwie so mitgemacht. So wie man heute eben die Steuererklärung macht, findet man auch vieles sinnlos dran. Aber macht man halt, muss man machen. Davon gab es gefühlt ganz viel, und ich kenne wenige, die glühende Verfechter dieses Systems waren und heute auch noch sagen, sie fanden das doch alles toll. Aber diese Gewohnheit: Es gibt einerseits ein privates Leben und da ist man mehr so, wie man wirklich ist, und kann frei reden. Und dann gibt es andererseits aber auch einen großen öffentlichen Bereich, in dem man nicht so frei reden kann. Diese Doppelstrukturen sind sie gewohnt. Diesen Eindruck habe ich zumindest, wenn ich mit Leuten, die in der DDR sozialisiert wurden, zu tun habe.
Und diese Offenheit, die für jüngere Generation vielleicht typisch ist, ist nicht so Teil von deren Normalität. Viel mehr über Gefühle zu reden, zur Therapie gehen, Reflexion, gemeinsam über Konflikte sprechen, gemeinsame Aushandlungsprozesse und und und. Für mich ist es normal, so zu kommunizieren. Jedoch ist das keine Umgangsweise, die man mit vielen Leuten teilt, die DDR-sozialisiert sind. Vereinzelt vielleicht, manche haben sich da auch weiter entwickelt. Aber ich habe den Eindruck, das führt bei DDR-Generationen eher zu Ablehnung, Irritation und auch teils zu richtig krassen Abwehrreaktionen. Es wird auch nicht nur abgelehnt, sondern auch abgewertet. Dann kommt so etwas wie: „Alle werden immer sensibler. Uns hat das doch auch nicht geschadet. Jetzt muss man immer über alles reden. Jeder hat heute irgendwelche Probleme und jeder muss in die Therapie. Mein Gott, alles so Sensibelchen.“ Das würde ich nicht nur in Bezug auf Frauen sagen. Aber für mich ist das so eine verbindende Kraft, dass Sensibilität und Empfindsamkeit keine Dinge waren, die man viel in der DDR hatte. Immer eher Stärke, weitermachen und durchziehen, nicht so viel reden.
Hier muss man auch den vorherigen Generationswechsel in Betracht ziehen. Wo wurden die Eltern unserer Großeltern sozialisiert? Da sind wir noch in der Nachkriegszeit, da ist viel Scheiße passiert, da war das alles noch härter. Ich glaube, dass meine Generation, die Wendegeneration, sich daran abarbeitet, diese Altlasten aufzuarbeiten. Dass wirklich viele von uns Therapie machen, weil wir unter den Folgen dieser Nazi-Erziehung und allem, was danach war, gelitten haben und das nicht so weitermachen wollen. Wir merken dabei, vor allem dann mit unseren eigenen Kindern, wie schwer es ist, ein guter Mensch zu sein, wenn man so erzogen wurde, und dafür muss man es direkt nicht selbst erlebt haben. Aber eine verlassene Großmutter, eine Generation von nicht eingelösten Versprechen, weil man eigentlich durch die Wende quasi seine Karriere verloren hat, all die Enttäuschung und der Frust, das hat man ja auch irgendwie abbekommen.
Pauline: Du meintest, du hast dich in deiner Kindheit und Jugend eigentlich nicht wirklich bewusst als ostdeutsches Mädchen wahrgenommen. Wann und wie kam das denn vielleicht doch irgendwann, dass dir Unterschiede zwischen Ost und West, vielleicht besonders in Bezug auf Mädchen und Frauen, bewusst wurden?
Vic: Ich hatte als Jugendliche eine Band, und als ich das erste Mal in einem Radiointerview von mir gehört habe, wie doll mein sächsischer Dialekt war, war mir das unangenehm. Der Unterschied zwischen mir und Leuten, die nicht so reden, war mir offensichtlich auch nicht bewusst gewesen. Dann habe ich tatsächlich bis heute noch solche Momente, in denen mir Ost-West-Thematiken vor Augen geführt werden. Ich habe zum Beispiel erst vor zwei Jahren in Bremen Interviews für ein Forschungsprojekt geführt. Dort habe ich mehrmals von meinen Interviewpartner:innen die Reaktion bekommen: „Ach, Sie kommen von der Uni Leipzig, das sieht oder hört man Ihnen gar nicht an!“ Und da war ich mal seit langem wieder damit konfrontiert, dass es Menschen gibt, die Vorurteile haben, wenn die Leute aus dem Osten kommen.
Das ist mir in meinem Alltag nicht total bewusst, in solchen Momenten jedoch sehe ich dann gewisse Strukturen schon mehr. Ich merke, dass es zum Beispiel in Ostdeutschland weniger Universitäten und weniger Jobmöglichkeiten in meinem Feld gibt, weil einfach weniger entsprechende Arbeitsbereiche existieren. Ich merke, dass weniger Veranstaltungen in meinem Setting hier stattfinden. Ich merke natürlich die Lohnunterschiede extrem. Ich habe auch, als ich auf Jobsuche war, gemerkt, dass ich mich aber eigentlich bewusst für einen Job in einem ostdeutschen Bundesland entschieden habe, weil ich nicht gut finde, wenn alle weggehen.
Und mittlerweile ist es schon eher Teil meiner Identität, weil ich jetzt versuche, Dinge positiv zu wenden. Es hat so eine Art „Street Credibility,“ die damit einhergeht. Eine Freundin aus meiner Kindheit und Jugend lebt schon lange in Berlin, sie ist viel international unterwegs und sagt, es ist mit Ostdeutschen einfach anders. Da hat man einen anderen Humor, den man teilt, eine andere Art, wie man einfach miteinander sein kann, und das ist bei westdeutschen Bekanntschaften nicht so.
Pauline: Heute würdest du dich also schon explizit als ostdeutsch oder „Ossi“ bezeichnen? Warum und was bedeutet das Wort Ossi für dich?
Vic: Ich kann auch sehr viel Sympathie dafür empfinden zu sagen, man begreife sich als Weltbürger:in oder als Europäer:in. Wir leben in der Migrationsgesellschaft, da finde ich das durchaus angemessen. Aber als quasi benachteiligte Gruppe im Sinne von sozialer Ungleichheit trage ich das Label „Ossi“ mit einem gewissen Stolz. Natürlich auch, um den rechten Ossis diese Deutungshoheit zu nehmen. Es geht darum – wie bei „Queer“, „Fotze“ oder „Schlampe“ usw. –, solche Wörter zu reclaimen und anders zu besetzen. Genau aus so einer emanzipatorischen Haltung heraus würde ich sagen: Wir sind nicht irgendwelche abgehängten Bauern und wir sind auch nicht alles Nazis. Wir haben bestimmte Erfahrungen gemacht, auch mit Benachteiligungen, die andere – westdeutsche – Personen vielleicht nicht gemacht haben, und wir haben möglicherweise immer noch Nachteile hier und da. Und das ist immer ein Grund, daran zu arbeiten, dass sich das ändert.
Pauline: Wenn du dein Aufwachsen mit dem von westdeutschen Freundinnen und Bekannten vergleichst, fallen dir da gravierende Unterschiede auf?
Vic: Zum Beispiel, dass es völlig normal ist, eine Weltreise gemacht zu haben. Dass es völlig normal ist, dass deine Eltern das Studium finanziert haben, dass du ein Auto geschenkt bekommst, dass du größere Summen Geld, Wohnungen oder sonstige Besitztümer erbst, dass es überhaupt so etwas wie Vermögen in der Familie gibt — das alles scheint für viele meiner westdeutschen Freunde einfach Teil ihrer Normalität zu sein. Privilegien, die ihnen gar nicht bewusst sind, die uns im Kontrast aber auffallen, weil das einfach nicht Teil unserer Normalität ist. Wenn ich meine ostdeutschen Freund:innen abklappere, ist das nicht üblich. Wir haben eben BAföG-Schulden. Wir sind vielleicht oft die Ersten, die studiert haben. Wir werden vielleicht von unseren Großeltern gefragt, ob wir eigentlich immer noch studieren, weil wir noch an der Uni sind, um zu promovieren. Das hat sicher auch etwas mit dem Arbeiterkind-Dasein zu tun. Wahrscheinlich sind westdeutsche Akademikerkinder ostdeutschen Akademikerkindern ähnlicher.
Was die finanzielle Situation betrifft, glaube ich auf jeden Fall an einen Unterschied. Es gibt ja sozusagen andere Startchancen schon von Grund auf. Du weißt halt, wenn irgendetwas ist, habe ich ein Backup von Leuten, die richtig Kohle haben. Ich erlebe regelmäßig westdeutsche Freundinnen, die Dinge sagen wie: „Meine Eltern sind jetzt in Rente und sie verkaufen jetzt ihre zwei Wohnungen, dann kriegt jeder von uns 250.000 EUR.“ So etwas passiert da halt einfach.
Auch diese Auslandserfahrungen von weiten Reisen sind keine Normalität in meinem Umfeld gewesen und auch keine verbreitete Erwartung. Dass man nach den Abi natürlich erst mal verreist, ist in meiner Familie nicht so gewesen. Aber ich habe gelernt, dass das in anderen Kreisen schon normal ist. Mittlerweile merke ich, dass man manchmal auch komisch angeguckt wird, wenn das nicht zum eigenen Portfolio gehört und man nicht schon mal auf Bali war, man nicht mal ein halbes Jahr in Australien irgendwie Urlaub gemacht hat … Dann ist man schon ein bisschen komisch und auch ein bisschen hinterwäldlerisch.
Pauline: Siehst du solche Unterschiede auch noch bei Menschen, die jetzt heranwachsen? Obwohl du wahrscheinlich mit westdeutschen Jugendlichen nicht viel zu tun hast.
Vic: Na ja, kann ich nicht sagen. Irgendwie glaube ich, dass das durch die Digitalisierung, das Internet und Social Media eventuell nicht, nicht so stark oder vielleicht anders ist. Ich kann mir vorstellen, dass es heute andere Cluster sind, die eine Rolle spielen – zum Beispiel Stadt und Land. Es könnte sein, dass sich die Dorfjugend hier in Nordsachsen vielleicht nicht ganz so sehr unterscheidet von der Dorfjugend im Ruhrpott. Aber natürlich gibt es dann auch diesen stärker christlich geprägten Westen. Das ist hier weniger stark ausgeprägt. Ein bayerisches Dorf ist wahrscheinlich sehr christlich, bestimmt durch klassische Landwirtschaft und noch Bauernhöfe. Sag du es mir. Spielt es für dich eine Rolle, dass du ein ostdeutsches Kind bist?
Pauline: Also lange ist mir die deutsch-deutsche Geschichte natürlich noch nicht so bewusst. Auch jetzt steht noch aus, mich mit einer eventuellen „ostdeutschen Identität“ auseinanderzusetzen. Es gehört schon allein deshalb ein wenig zu mir, weil momentan sehr viele Jugendliche aus Ostdeutschland in die rechtsextreme Szene abrutschen. Weshalb ich auch daran festhalten und sagen will: Es werden nicht einfach alle ostdeutschen Jugendlichen zu Nazis oder gehen politisch in Richtung AfD — wir sind auch da und der Rechtsruck ist kein ostdeutsches Schicksal. Aber ich denke mir, dass es gewisse Dinge, die du auch bereits genannt hast, vielleicht noch gibt, manches auch nicht. Ich müsste noch mehr westdeutsche Jugendliche kennenlernen, damit ich da wirklich etwas zu sagen kann.
Vic: Ich glaube, man kriegt aber schon durch das Internet und Social Media trotzdem auch mehr voneinander mit. Irgendwie kreieren Hypes ja noch mal andere Identitätsmarker, Projektionsflächen und Orientierung. Das, was für uns früher die Bravo, GZSZ und Britney Spears waren.
Pauline: Na gut, im Interesse abzurunden: Was konntest du von den Frauen des Ostens für dich lernen und was hast du in deinem Leben ganz anders gemacht als sie?
Vic: Meine Großmütter waren starke Frauen. Das waren keine Frauen, die sich irgendwie klein gemacht haben, die irgendwie einen Mann brauchten, der ihre gesamte Identität war. Ich habe meine Großmütter als äußerst präsente Frauen wahrgenommen, die ihr Ding machen, die nicht klein, niedlich und zurückhaltend sind, die ihre Meinung haben und diese auch kundtun. Coole Frauen, die auch viel durchgemacht haben und trotzdem eine ganz schön krasse Widerstandsfähigkeit haben. Das waren keine schwachen Frauen, sind auch heute keine schwachen Frauen.
Pauline: Und das hat dich auch inspiriert, eine starke Frau zu sein?
Vic: Das weiß ich nicht. Es hat mich auf jeden Fall inspiriert, dass es jetzt nicht nur die Britney Spears-Frauen gibt oder dieses Klischee von der Hausfrau. Das war ja nie ein Bild, was für mein Leben mit Frauen eine Rolle gespielt hat.
Und was ich ganz anders gemacht habe? Na ja, habe ich ja schon gesagt. Dieses ganze Trauma, von dem ich mich wirklich in einem harten Prozess emanzipiert habe: Vulnerabilität, Weichheit, Emotionalität, Sensibilität, Reflexivität zulassen – sich auseinandersetzen mit Dingen, die passiert sind; darüber reden, wenn es einem nicht gut geht. Abkehr von diesem sehr verschlossenen „Ich will nicht, dass sich die anderen Sorgen machen“ und dass man dann nicht mit der Sprache rausrückt. Das ist etwas, das geht mit mir gar nicht, das verstehe ich nicht.
Ich teile lieber ganz viel. Ich stehe auf Reflexion, wertschätzend miteinander umzugehen und auch an der Art, wie man miteinander umgeht, zu arbeiten. Ich finde, das sind wertvolle Dinge und da habe ich schon den Eindruck, dass ich mir viel einfach selbst angeeignet habe. Das war nicht unbedingt etwas, das ich durch die Ostfrauen gelernt habe. Vielleicht tue ich ihnen unrecht.
Ich würde aber jetzt gerne abschließend mal noch dein Statement zu dieser Frage haben wollen, weil du ja auch mehrere Generationen erlebst und diese Frauen ja auch selbst kennst. Wie ist dein Eindruck von den Ostfrauen?
Pauline: Ach ja, das ist für mich ganz schwer zu sagen, weil ich noch weiter davon entfernt bin als deine Generation. Bei vielem, was du gesagt hast, kann ich auch an Situationen denken und dem so zustimmen. Ich sehe auch das Bild von einer starken Frau mit einer gewissen Resilienz. Dass man nicht über Gefühle spricht und irgendwie immer die Zähne zusammenbeißt, ist zwar nicht gerade gesund, aber trotzdem auch verbunden mit einer bewundernswerten Mentalität, Dinge anzupacken. Man kann im Westen wahrscheinlich viele Dinge genauso übertragen, weil es im Endeffekt immer einen Spalt zwischen den Generationen gibt.
Biografien:
Pauline Jankowicz wurde 2010 in Leipzig geboren. Vita noch ziemlich leer, des Alters wegen. Natürlich schulpflichtig. Nach neun Jahren demokratischer Schule, jetzt noch drei Jahre Endspurt bis zum Abi … (Stand 2026). Es ließe sich noch ein Praktikum im lokalen Stadtmuseum erwähnen, da soll’s beruflich auch hingehen. Interessen liegen – folgerichtig – vor allem im Bereich Geschichte, Politik, Gesellschaft und Kultur.
Victoria Jankowicz ist 1988 in Leipzig geboren und aufgewachsen. Ein waschechtes Wende- und Nachwendekind. Nachdem der Rockstarplan (A) nicht aufgegangen ist und Dinge (Kinder) ungeplant dazwischen gekommen sind, ist sie schließlich Erziehungswissenschaftlerin geworden. Sie forscht zu Bildungspraxis, Körper- und Emotionsarbeit, lehrt an der Universität Leipzig und arbeitet derzeit in einem Projekt der FH Erfurt zur Förderung von Vielfalts- und Diskriminierungssensibilität in Kindertagesstätten.
