VON TAMPONS, ERDBEEREN UND ZAHNBÜRSTEN

Interview mit Luci van Org

von Sandra Strauß

Foto: Merlin Jörg Noack

Sandra: Wir haben schon viele Interviews miteinander geführt – für unsere #nichtgesellschaftsfähig-Bücher und für das drunter+drüber-Magazin für Endlichkeitskultur. Dabei haben wir gemeinsam bereits breitgefächert unterschiedliche Inhalte behandelt. Für „Die anderen 50 Prozent“ wollten wir dich natürlich unbedingt wieder dabei haben. Zunächst habe ich allerdings überlegt, ob und inwiefern Ost-West, verbunden mit Frauen, überhaupt dein Thema ist. Also haben wir miteinander telefoniert und sofort wurde deutlich, dass du damit viele Erfahrungen und Erlebnisse verbindest. Ich möchte unser Interview gern mit Tampons beginnen. Wahrscheinlich eröffnet man ein gemeinsames Gespräch vielleicht nicht unbedingt damit. Wir schon.

Luci: Dann machen wir das jetzt einfach. Ost-West, Frauen – und Tampons. Ich habe dazu tatsächlich ein Erlebnis, das mir die Unterschiede zwischen Ost und West recht anschaulich vor Augen geführt hat. Ich muss allerdings ein wenig ausholen. Ich komme aus West-Berlin. Mein Vater war ein „rübergemachter Ossi“, deshalb hatten wir immer einen Bezug zur DDR. Das ist schon etwas völlig anderes, als wenn man beispielsweise in Köln aufgewachsen ist, wo der Osten weit weg war. Für uns war die deutsch-deutsche Teilung alltäglich – sie lag quasi direkt vor unserer Haustür.

Als die Mauer fiel, lernte ich bereits am 10. November – also einen Tag nach dieser historischen Nacht – Micha vom Staatsschauspiel Dresden kennen. Daraus entwickelte sich schnell ein gegenseitiges Besuchen. Mein damaliger Freund und ich hatten ein riesiges Interesse an den Menschen dort, weil sie für uns gleichzeitig vertraut und vollkommen fremd waren: Sie sprachen dieselbe Sprache wie wir, lebten aber in einer ganz anderen Welt. Gerade Dresden war damals ein besonderer Ort. Wir hatten das Gefühl, dass sich dort eine ganz eigene Form von Coolness, Widerstand und Kultur entwickelt hatte. Vielleicht auch deshalb, weil Dresden im „Tal der Ahnungslosen“ viel weniger vom westlichen Fernsehen und damit von amerikanischen Einflüssen geprägt war. Besonders in der Dresdner Neustadt gab es eine eigene Ästhetik und einen ganz besonderen Umgang miteinander. Das fand ich unglaublich faszinierend.

Silvester 1989/90 verbrachten wir dann dort und übernachteten natürlich auch bei Freunden. Eine Frau, die ich damals besonders spannend fand, lebte in einer Platte in Dresden. Als ich ihr Badezimmer betrat, fiel mir etwas auf: Dort lagen Tampons. Eigentlich ja nichts Besonderes. Auch im Westen hatten Frauen Tampons im Bad. Aber diese Tampons sahen völlig anders aus als die, die ich kannte. Das waren Wattebäusche mit einer Mullbinde drumherum, an der man sie herausziehen konnte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich dachte: „Ach, du meine Güte.“ Wir kannten damals unsere luxuriösen OB-Tampons, die man kaum spürte. Diese Ost-Tampons wirkten auf mich überhaupt nicht praktisch. Ich dachte sofort: Das muss doch unangenehm sein, vielleicht sogar wehtun. Ob das tatsächlich so war, weiß ich bis heute gar nicht. Vielleicht waren sie sogar besser als unsere. Wahrscheinlich waren sie zumindest nicht mit so vielen Chemikalien behandelt. Aber in diesem Moment wurde mir im Kleinen besonders deutlich, wie unterschiedlich der Alltag in Ost und West gewesen war.

Gleichzeitig fiel mir auf, wie anders die Frauen auf mich wirkten. Ich hatte den Eindruck, dass sie unabhängiger vom männlichen Blick waren. Heute würde man vielleicht vom „Male Gaze“ sprechen. Mir schien, als seien Ostfrauen weniger darauf ausgerichtet gewesen, einem bestimmten weiblichen Schönheitsideal entsprechen zu müssen. Ich empfinde es tatsächlich so, dass viele Ostfrauen selbstbewusster, kämpferischer und unabhängiger auftraten. Natürlich hatten sie gleichzeitig die enorme Doppelbelastung aus Beruf und Familie zu tragen. Ich glaube nämlich nicht, dass Ostmänner grundsätzlich weniger patriarchal waren als Westmänner. Diese Erfahrung habe ich jedenfalls nicht gemacht. Was mich wirklich faszinierte, war etwas anderes: Die Männer schienen sehr viel weniger auf bestimmte Äußerlichkeiten fixiert zu sein.

1994 lernte ich dann meinen späteren ersten Mann kennen – einen Ostdeutschen. Dadurch zog ich für einige Zeit nach Brandenburg und traf noch viel mehr Ostfrauen. Damals war das alles noch deutlich weniger vermischt als heute. Dabei fiel mir beispielsweise auf, dass Ostfrauen ganz selbstverständlich Brillen trugen. Im Osten gab es weniger Auswahl, die Gläser waren oft sehr dick. Manche machten die Augen riesengroß, andere winzig klein. Trotzdem galten diese Frauen als attraktiv. Das war für mich eine völlig neue Erfahrung.

Ich selbst hatte seit meiner Kindheit minus zehn Dioptrien und trug als Kind eine sehr dicke Brille. Ich bemühte mich immer um möglichst schöne Fassungen, wurde aber trotzdem gehänselt. Ehrlich gesagt begann mein sexuelles Erwachen erst in dem Moment, als ich Kontaktlinsen bekam. Vorher galt ich wegen meiner Brille praktisch als hässlich. Bei den Männern, die ich im Osten kennenlernte, spielte das dagegen offenbar kaum eine Rolle. Frei nach dem Motto: Wenn die Frau nackt ist, trägt sie ohnehin keine Brille mehr.

Ich glaube, das galt für viele Äußerlichkeiten. Es schien keinen so strengen Schönheitskodex zu geben. Vielleicht täusche ich mich – schließlich bin ich selbst keine Ostfrau. Aber von außen wirkte es auf mich so, als seien diese Frauen viel mehr im Reinen mit ihrem Körper. Auch Dinge wie Cellulite oder unterschiedliche Körperformen schienen dort sehr viel selbstverständlicher zu sein. Frauen konnten klein oder groß sein, schmale oder breite Hüften haben – solange sie attraktiv wirkten, war das kein Thema. Ich hatte den Eindruck, dass das Körpergefühl vieler Ostfrauen und ihr Selbstbewusstsein größer waren, weil sie nicht permanent von Medien vermittelt bekamen, wie sie angeblich aussehen müssten. Im Westen wurden wir schon als Kinder mit Bravo, Pop Rocky, Mädchen und ähnlichen Zeitschriften darauf konditioniert, bestimmten Schönheitsidealen entsprechen zu müssen. Diese Bilder haben wir tief verinnerlicht.

Das habe ich an den Ostfrauen sehr bewundert: dieses Ruhen in sich selbst, der entspannte Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität. Auch ihre Art, Sexualität zu leben, empfand ich als erstaunlich frei.

Im Frühjahr nach dem Mauerfall war ich mit meinem damaligen Freund in Ost-Berlin. Wir lernten Leute kennen, und am Ende landeten wir in einer völlig verrückten Wohnungsparty mit ungefähr zwanzig Menschen. Am nächsten Morgen ging eine Frau – ich glaube, es war die Wohnungsbesitzerin – in die Kaufhalle, kaufte für wenig Geld Zahnbürsten für alle und dazu Erdbeeren. Anschließend legte sie jedem schlafenden Gast eine Zahnbürste und ein paar Erdbeeren neben den Schlafplatz. Das hatte etwas unglaublich Spielerisches und Erotisches, ohne dabei künstlich oder inszeniert zu wirken. Es kostete fast nichts, aber es war eine selbst erfundene Form von Sinnlichkeit. Niemand musste irgendeinem Porno-Ideal entsprechen oder den männlichen Blick bedienen. Das hatte etwas Eigenes, etwas Unverstelltes – und genau das hat mich damals unglaublich fasziniert. So komme ich am Ende tatsächlich von Tampons zu Erdbeeren und Zahnbürsten.

Jetzt habe ich sehr lange geschwärmt. Aber ich möchte auch die andere Seite erzählen.Davon, dass für mein Gefühl aus diesem Selbstbewusstsein heraus auch eine gewisse Überheblichkeit gegenüber Westfrauen entstand. Wir galten oft als die Unterdrückten, die Angepassten, die Frauen, die sich alles gefallen lassen. Das empfand ich als unfair. Ja, im Westen waren viele Dinge für Frauen deutlich schwieriger. Frauen brauchten bis in die 1970er-Jahre die Zustimmung ihres Ehemanns, um arbeiten gehen zu dürfen, und die Möglichkeiten, ungewollte Schwangerschaften beenden zu können, waren bis zur Wiedervereinigung erschütternd eingeschränkt. Gleichzeitig gab es aber unzählige hoch emanzipierte Frauen, die sich unter diesen extremen Bedingungen durchsetzen mussten.

Wenn eine Frau im Westen beispielsweise ein Architekturbüro leitete und gleichzeitig kaum Chancen auf einen Kitaplatz hatte, dann war das ebenfalls ein enorm harter Kampf. Diese Frauen waren unglaublich stark. Diese Westfrauen mussten sich teilweise gegen viel größere gesellschaftliche Widerstände behaupten als Frauen im Osten – weil deren Berufstätigkeit und zum Beispiel auch Abtreibungen dort längst selbstverständlich waren. Deshalb fand ich diese Haltung oft schwierig, wenn sie lautete: „Wir Ostfrauen zeigen euch jetzt mal, wie Emanzipation funktioniert.“ Das traf natürlich längst nicht auf alle Ostfrauen zu. Aber diese Grundstimmung habe ich durchaus erlebt. Und obwohl vieles daran stimmt – etwa beim Thema Kinderbetreuung oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf –, sollten wir diese Unterschiede heute differenziert betrachten. Die Geschichte war auf beiden Seiten sehr viel komplexer. Beides gehört für mich zur Wahrheit.

Sandra: Wie gehst du mit solchen Situationen um?

Luci: Ich habe dann immer versucht zu erzählen, wie es Frauen im Westen ging und welche Kämpfe sie führen mussten. Ehrlich gesagt ließ sich vieles auch ziemlich schnell durch Herzlichkeit und Nähe auflösen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich schon immer enge Freundschaften mit Ostfrauen hatte – meine beste Freundin ist zum Beispiel auch eine Ostdeutsche. Deshalb gab es für mich immer eine große Verbundenheit mit diesen Frauen.

Das Lustigste ist allerdings etwas anderes: Mir ist tatsächlich schon mehrfach passiert, dass mir Menschen begeistert erzählt haben, wie toll es doch sei, dass ich eine Ostfrau wäre. Und gleichzeitig haben sie sich darüber ausgelassen, wie schrecklich Westfrauen seien – arrogant, oberflächlich und so weiter. Dann sitze ich da und denke: Ihr wisst schon, dass ich aus West-Berlin komme? Das finde ich immer herrlich.

Dass ich nicht besonders „westdeutsch“ wirke, liegt vielleicht auch daran, dass ich immer fand, wir könnten unglaublich viel voneinander lernen, gerade auch aus unseren Unterschieden. Denn ich glaube schon, dass wir bis heute unterschiedlich geprägt sind. Nicht, weil es die DDR noch gäbe oder weil das alte Westdeutschland noch existieren würde. Beides gibt es längst nicht mehr. West-Berlin gibt es genauso wenig wie Ost-Berlin. Diese Welten haben sich extrem verändert. Aber wir sind eben von unterschiedlichen Generationen und unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen großgezogen worden. Das wirkt nach.

Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie sich etwa Köln verändert hat. Ich erwähne Köln deshalb so oft, weil ich dort aus der Gegend tatsächlich mehrere Menschen kenne, die sagen: „Ich war noch nie im Osten. Was soll ich denn da?“ Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. 

Vielleicht liegt das auch daran, dass ich in Berlin lebe. Ich habe miterlebt, wie sich Berlin verändert hat. Und auch die Westberliner haben einen riesigen gesellschaftlichen Umbruch erlebt. Natürlich glaube ich nicht, dass diese Veränderung mit den Erfahrungen vieler Ostdeutscher vergleichbar war. Für uns ist das Leben nicht komplett zusammengebrochen. Unsere Veränderung war tiefgreifend, aber sie war kein kollektives Trauma. Bei vielen Ostdeutschen war das anders. Und das kann ich sehr gut nachvollziehen.

Ich erinnere mich noch an meinen damaligen Schwiegervater. Er und meine Schwiegermutter hatten zeitweise in Frankfurt am Main gelebt, weil sie dort Arbeit gefunden hatten. Mitte der 1990er-Jahre kehrten sie nach Berlin zurück und zogen wieder in ihre Plattenbauwohnung in Friedrichshagen im Osten von Berlin, die sie immer behalten hatten. Als ich diese Wohnung zum ersten Mal betrat, war es, als würde ich ein DDR-Museum betreten. Alles stand noch genauso da wie vor der Wende. Dann wurde renoviert. Die komplette Einrichtung flog raus: das Bett, die Küche, die Schränke, einfach alles. Vor dem Haus türmte sich ein riesiger Sperrmüllberg. Ich sehe meinen damaligen Schwiegervater heute noch davor stehen. Er schaute auf diesen Haufen und sagte mit Tränen in den Augen: „Das ist alles nichts mehr wert.“ Dieser Satz hat mich tief getroffen. In diesem Moment habe ich zum ersten Mal wirklich begriffen, was die Wende für viele Menschen im Osten bedeutet haben muss.

Denn natürlich richten Menschen sich auch in einem politischen System ein, das sie sich nicht ausgesucht haben, bauen sich ein Zuhause auf, entwickeln Routinen, sind stolz auf bestimmte Dinge und verbinden Erinnerungen mit Gegenständen. Wenn dann plötzlich alles auf einem Müllhaufen landet – der Stern-Recorder, für den jahrelang gespart wurde, der Grill und die Möbel, die das eigene Leben begleitet haben –, dann ist das weit mehr als nur Sperrmüll. Es steht symbolisch für den Verlust einer ganzen Lebenswelt. Ich kann und möchte mir gar nicht vorstellen, wie schlimm sich das anfühlt. 

Gleichzeitig möchte ich aber auch eines ganz deutlich sagen: Ich kann die Romantisierung der DDR überhaupt nicht nachvollziehen. Das Atelier meines Vaters lag direkt an der Mauer. Ich bin West-Berlinerin. Ich habe erlebt, dass die DDR eine Diktatur war, aus der mein Vater unter Einsatz seines Lebens geflohen ist. Und ich finde es schwierig, wenn heute manche sagen, das sei das gerechtere Deutschland gewesen. Nein. Auch im Westen gab es unendlich viele Missstände. Aber im Osten wurden Menschen erschossen, weil sie das Land verlassen wollten. Menschen wurden auf staatliche Anweisung hin verfolgt, erpresst, unterdrückt, eingesperrt, misshandelt, getötet. Trotzdem bleibt gleichzeitig wahr, dass sich die Menschen dort ein Leben aufgebaut hatten. Sie waren auf vieles auch völlig zu Recht stolz. Und genau deshalb muss der Bruch nach der Wiedervereinigung für viele so schmerzhaft gewesen sein. Für uns in West-Berlin war die Wiedervereinigung eine enorme Veränderung. Aber Berlin verändert sich ohnehin ständig. Die Stadt hat sich seitdem mehrfach neu erfunden und tut das bis heute. Das unterscheidet unsere Erfahrungen vermutlich.

Sandra: Ich möchte auf etwas zurückkommen, das du anfangs erwähnt hast: Du hast von deiner Brille und Mobbing erzählt. Magst du beschreiben, wie sich das angefühlt hat?

Luci: Mobbing fühlt sich immer furchtbar an.

Ich hatte damals nicht nur diese sehr dicke Brille. Ich komme aus einem schwierigen familiären Umfeld – darüber habe ich inzwischen auch ein Buch geschrieben: „Wir Fünf und ich und die Toten“. Von der Belastung zuhause hatte ich Tics. Ich zuckte ständig mit dem Kopf und blinzelte unkontrolliert. Kurz gesagt: Ich war nicht das Mädchen, mit dem auf Kinderdiscos alle tanzen wollten. Zum Glück hatte ich aber andere Stärken. Ich konnte singen und gut zeichnen. Mitschüler kamen zu mir und wollten, dass ich ihre Geburtstagskarten gestalte. Ich habe versucht, vieles mit meinen Talenten auszugleichen. Ich konnte Menschen zum Lachen bringen und hatte das Gefühl, darüber meinen Platz zu finden. Aber wenn es um Jungs, Verliebtsein oder Sexualität ging, war ich komplett außen vor.

Das änderte sich schlagartig, als ich zum ersten Mal The Cure hörte und Robert Smith auf der Bühne sah. Ich dachte damals: Wenn jemand so aussehen kann und mit seiner Stimme trotzdem eine solche Ausstrahlung besitzt, dann kann vielleicht auch ich meinen eigenen Weg finden. Innerhalb weniger Wochen nervte ich meine Eltern so lange, bis sie mir Kontaktlinsen kauften. Ich war damals elf Jahre alt. Es waren noch harte Kontaktlinsen, die höllisch wehtaten. Meine Augen tränten ständig. Aber das war mir völlig egal. Ich wollte diese Brille unbedingt loswerden. Ich schnitt mir die Haare kurz, toupierte sie, trug nur noch Schwarz und orientierte mich an der damaligen New-Wave- beziehungsweise New-Romantic-Szene. Von einem Tag auf den anderen hatte ich plötzlich das Gefühl dazuzugehören. In dieser Szene galt ich auf einmal als hübsch und interessant. Plötzlich interessierten sich Jungs für mich, und auch Mädchen gingen ganz anders mit mir um. Es fühlte sich tatsächlich an wie das Ausschlüpfen eines Schmetterlings nach der Verpuppung.

Deshalb hat mich später auch so beeindruckt, wie selbstverständlich viele Ostfrauen ihre Brillen trugen und trotzdem als attraktiv wahrgenommen wurden. Das fand ich großartig.

Sandra: Wie hast du damals die Gothic- beziehungsweise New Wave-Zeit erlebt? Du bist dieser Szene ja bis heute verbunden und trittst inzwischen sogar selbst beim Wave Gotik Treffen auf.

Luci: Die Gothic-Szene hieß damals ja noch gar nicht so. Wir sprechen von den frühen 1980er Jahren, also ungefähr 1982 bis 1985. Für mich war das damals vor allem ein Sammelbecken für Jugendliche, die anders waren. Und ich glaube, genau das ist bis heute die große Stärke dieser Szene geblieben. Es ging nie nur um schwarze Kleidung oder einen bestimmten Stil. Das wurde später natürlich stärker kommerzialisiert und irgendwann auch vom Mainstream übernommen – rasierte Nacken, dunkles Make-up und all diese Dinge. Aber ursprünglich war da etwas ganz anderes.

Die meisten Menschen, die ich damals kannte und die sich in dieser Szene bewegten, hatten Probleme zu Hause. Viele waren vorher gemobbt worden. Viele waren sehr sensible Menschen, vielleicht auch etwas weniger rücksichtslos als andere. Sie hatten weniger Ellenbogen. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir füreinander eine Art Rettungsanker waren.

Was mich damals schon beeindruckte, war die Selbstverständlichkeit in der Szene, mit der Unterschiede akzeptiert wurden. Diversität wurde nicht bekämpft, sondern gefeiert. Es gab dicke Mädchen, die sich im Gothic-Stil kleideten und als wunderschön galten. Es gab ganz schmale, knochige Jungen, die für uns die schönsten überhaupt waren, obwohl sie außerhalb dieser Szene oft verspottet wurden. Das fand ich unglaublich wichtig.

Robert Smith war dafür das beste Beispiel. Ein pummeliger, blasser Typ mit verwischtem Lippenstift, wirren Haaren, einer ungewöhnlich hohen Stimme, und für uns war er das größte Sexsymbol überhaupt. Auch Künstler wie Marc Almond, Andrew Eldritch oder Blixa Bargeld entsprachen überhaupt keinem klassischen Schönheitsideal. Gerade das machte sie für uns so faszinierend. Mit Freundinnen schlich ich mich damals nachts ins Risiko – einfach nur, um Blixa Bargeld aus der Ferne anzuschwärmen. Heute frage ich mich ehrlich, warum man uns überhaupt hineingelassen hat. Wir waren noch Kinder.

Ich war damals nach der Schule häufig im Café Swing. Zuhause wollte ich nicht sein, weil dort Gewalt, Angst und schwierige familiäre Situationen auf mich warteten. Also machte ich dort meine Hausaufgaben und verbrachte möglichst viel Zeit außerhalb der Wohnung. Im Café Swing, später auch im Metropol oder im Dschungel, hielten sich viele ältere Männer auf. Wenn ich heute Fotos von mir aus dieser Zeit sehe, frage ich mich wirklich, wie irgendjemand glauben konnte, ich sei volljährig. Ich sah eindeutig aus wie ein Kind. Damals nahm ich das selbst völlig anders wahr. Später erzählte ich diese Geschichte Doro Peters, die damals zum Kollektiv des Café Swing gehörte. Sie schaute mich völlig entsetzt an und sagte: „Mein Gott – du warst das?“ Dann erzählte sie mir etwas, das mich sehr bewegt hat. Das gesamte Kollektiv habe damals immer wieder darüber gesprochen, wer dieses Mädchen sei. Sie hätten sich große Sorgen gemacht und sogar befürchtet, dort könnte ein Kinderschänderring unterwegs sein. Sie wussten nur nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Ich selbst war damals überzeugt, dass alle mich für viel älter hielten.

Wie unterschiedlich Wahrnehmungen sein können, hat mich im Nachhinein sehr beschäftigt.

Heute sehe ich diese Männer sehr klar. Das waren Raubtiere. Erwachsene Männer, die ausgenutzt haben, dass ich ein Kind aus schwierigen Familienverhältnissen war. Ich habe damals nicht nach Sexualität gesucht. Ich habe nach Anerkennung gesucht. Nach Wertschätzung von Erwachsenen, weil ich sie zu Hause nicht bekam. Das habe ich als Kind natürlich überhaupt nicht verstanden. Ich habe später auch sexualisierte Gewalt erlebt – allerdings nicht in diesem Umfeld. Deshalb habe ich die Zeit im Café Swing damals selbst nicht als traumatisch empfunden. Mit dem Abstand von heute sehe ich aber, wie absurd diese Situation eigentlich war. Deshalb bin ich Doro Peters bis heute dankbar. Sie ist für mich gewissermaßen eine Zeitzeugin dieser Jahre. Je älter ich werde – ich bin jetzt 55 –, desto häufiger frage ich mich, ob Erinnerungen wirklich genauso waren oder ob sich im Laufe der Zeit etwas vermischt hat. Wir wissen ja inzwischen auch, dass Erinnerungen sich verändern können. Dass jemand von außen bestätigt: „Ja, genau so haben wir das damals auch erlebt“, gibt mir deshalb eine große Sicherheit.

Sandra: Du hast gerade sehr offen über sexuelle Übergriffe, Gewalt in deiner Kindheit und Jugend sowie über Grenzverletzungen gesprochen – in der Familie, aber auch außerhalb. Das machen nicht viele Menschen. Oft sind Scham und Traumata zu groß. Warum kannst du so offen darüber sprechen? 

Luci: Ich konnte das sehr lange überhaupt nicht.

Bestimmte Dinge habe ich jahrzehntelang niemandem erzählt. Den ersten pädophilen Übergriff, den ich erlebt habe, habe ich zum ersten Mal überhaupt in meinem Roman „Wir Fünf und ich und die Toten“ verarbeitet. Das Buch ist zwar ein surrealer Roman, enthält aber viele autobiografische Elemente aus meiner Kindheit und Jugend. Ich habe diese Erfahrung dort nicht drastisch beschrieben, aber so, dass deutlich wird, was passiert ist. Und genau da sind wir bei dem Satz: Die Scham muss die Seite wechseln.

Ich glaube inzwischen, dass wir nur anfangen müssen, Frauen zu Wort kommen zu lassen – ganz egal, woher sie kommen. Ich kenne Frauen aus Ost- und Westdeutschland, aus Großbritannien – ich lebe einen Teil des Jahres in Schottland –, außerdem lebe ich in Berlin-Neukölln, einem sehr internationalen Bezirk. Ich kenne Frauen aus den unterschiedlichsten Ländern und mit ganz verschiedenen Biografien. Was sie fast alle verbindet, ist erschreckend. Ich kenne kaum eine Frau, die nie irgendeine Form sexualisierter Grenzverletzung erlebt hat. Das muss nicht immer ein schwerer Übergriff gewesen sein. Es kann auch sexuelle Belästigung gewesen sein, eine unangenehme Situation oder eine Erfahrung, bei der man sich einfach schlecht gefühlt hat. Ich kenne kaum eine Frau, die sagt: „Nein, so etwas habe ich nie erlebt.“ Und ich würde sogar sagen, dass sehr viele Frauen schwere Übergriffe erlebt haben – oder Situationen, die sie nur damals nicht als Übergriff wahrgenommen haben, weil sie zu jung waren oder weil solche Verhaltensweisen gesellschaftlich bagatellisiert wurden. Deshalb halte ich es für wichtig, darüber zu sprechen. Gleichzeitig würde ich niemals einer Frau einen Vorwurf machen, wenn sie das nicht kann. Diese Scham ist tief verinnerlicht. Sie ist Teil eines patriarchalen Systems. Es braucht sehr viel Stabilität, um irgendwann sagen zu können: Ja, das ist mir passiert. Es war schrecklich. Und ich bin damit nicht allein.

Mir persönlich hat das Schreiben sehr geholfen.

Indem ich diese Erfahrungen in eine literarische Form bringen konnte, wurden sie für mich überhaupt erst greifbar. Das gilt nicht nur für sexuelle Übergriffe. Mit vierzehn war ich beispielsweise Mitglied einer evangelikalen Sekte. Das war kein sexueller Missbrauch, aber ein massiver emotionaler Missbrauch. Auch solche Erfahrungen konnte ich erst beim Schreiben wirklich einordnen.

Frauen werden beschämt, sobald sie Opfer werden – ganz gleich, in welchem Zusammenhang. Uns wird vermittelt, wir sollten möglichst funktionieren. Wir sollen angenehm sein, keine Probleme machen, niemandem zur Last fallen.

Ich habe neulich eine Kolumne gelesen, in der ein Mann sinngemäß schrieb: Wenn Frauen ständig erzählen, wie anstrengend Kindererziehung sei, müsse man sich nicht wundern, wenn Männer lieber Vollzeit arbeiten gingen. Da dachte ich nur: Genau das ist das Problem. Frauen sollen möglichst schlank sein, aber bitte genussvoll essen. Sie sollen nach Rosen duften, nie erschöpft wirken und sich bloß nicht über Schmerzen oder Belastungen beschweren. Jede Schwäche wird sofort mit Scham verknüpft. Deshalb finde ich es wichtig, offen darüber zu sprechen. Es klingt schrecklich, aber es ist leider gesellschaftliche Realität: Mehr Frauen haben sexualisierte Übergriffe erlebt, als keine erlebt haben. Und genau das darf nicht normal bleiben. Ich wünsche mir, dass Menschen irgendwann erschrocken reagieren, wenn sie solche Geschichten hören – und nicht denken: „Ja, das gehört leider dazu.“ Denn genau das sollte eben nicht dazugehören.

Es darf auch nicht normal sein, dass wir Mädchen erklären, sie sollten Pfefferspray mitnehmen, wenn sie nachts unterwegs sind. Normal sollte vielmehr sein, Jungen früh beizubringen, Grenzen zu respektieren. Es sollte selbstverständlich sein, über Konsens zu sprechen. Über Verhütung. Darüber, wie ein Mann einer Frau begegnet, ohne Angst zu erzeugen. Männer müssen verstehen, dass sehr viele Frauen bereits Opfer von Übergriffen geworden sind und deshalb bestimmte Situationen ganz anders wahrnehmen.

Vor allem aber müssen Männer untereinander daran arbeiten. Ich glaube nicht, dass wir noch mehr männliche Influencer brauchen, die Frauen erklären, was Feminismus ist. Was wir brauchen, sind Männer, die mit anderen Männern darüber sprechen, wie sie Verantwortung übernehmen können. Sie müssen lernen, mehr Gefühle benennen zu können als Wut. Sie müssen lernen, dass Nähe nicht nur Sexualität bedeutet. Es gibt viele Formen von Nähe, Fürsorge und Verbundenheit – und auch diese müssen wertgeschätzt und eingeübt werden. Wenn Männer anfangen würden, sich gegenseitig darin zu unterstützen, wäre schon unglaublich viel gewonnen. Denn vom Patriarchat profitieren am Ende nur sehr wenige. Die meisten Männer glauben lediglich, sie würden irgendwann auch etwas davon abbekommen. Für mich funktioniert das wie ein Schneeballsystem. Sie machen mit, weil sie hoffen, wenigstens nicht ganz unten zu stehen.

Gleichzeitig wird Frauen zugeschrieben, für die emotionale Regulation der Männer verantwortlich zu sein. Schon in der Schule beginnt das. Das ruhige Mädchen wird neben den unruhigen Jungen gesetzt, damit sie ihn beruhigt. Wie es dem Mädchen dabei geht, interessiert oft niemanden. Meinem Sohn wurde einmal gesagt, eine Eins im Sozialverhalten könne ein Junge eigentlich gar nicht bekommen. Nach dem Motto: Boys will be boys. Diese Haltung zieht sich durch unsere Gesellschaft. Wenn wir Frauen einen Raum betreten und die Stimmung angespannt ist, beginnen viele von uns automatisch zu überlegen, wie man die Situation entschärfen könnte. Das haben wir gelernt.

Gerade in den Wechseljahren beobachte ich bei mir selbst, dass ich dieses Verhalten manchmal bewusst ablege. Wenn Männer sich streiten, reguliere ich die Situation nicht mehr automatisch. Stattdessen sage ich vielleicht einfach, dass mich dieser Streit belastet oder dass ich selbst gerade etwas brauche. Und erstaunlicherweise bin dann häufig ich diejenige, die als schwierig gilt. Von Frauen wird erwartet, dass sie Beziehungen zusammenhalten, Konflikte entschärfen und emotionale Arbeit leisten.Ich finde aber: Erwachsene Menschen sollten grundsätzlich lernen, ihre eigenen Emotionen selbst zu regulieren. Das gehört für mich zum Erwachsensein. Natürlich gibt es Menschen, die aufgrund psychischer Erkrankungen oder anderer Einschränkungen Unterstützung brauchen. Dann sollten wir uns gegenseitig tragen. Aber daraus darf keine gesellschaftliche Rollenverteilung entstehen, nach der grundsätzlich Frauen für Fürsorge zuständig sind und Männer nicht.

Mich ärgert zum Beispiel, mit welchem Verständnis gesellschaftlich auf männliche Aggression reagiert wird. Wenn nach Fußballspielen ganze Polizeieinsätze nötig sind, weil Männer ihren Frust nicht kontrollieren können, wird das oft als normal hingenommen. Hunderte Frauen sterben in Deutschland jedes Jahr, weil Männer ihre Emotionen nicht regulieren können. Das ist die eigentliche Dimension dieses Problems. Und deshalb glaube ich: Männer müssen untereinander Verantwortung übernehmen und sich gegenseitig dabei unterstützen, dieses System zu verändern.

Jetzt bin ich etwas abgschwiffen.

Sandra: Das war kein Abschweifen. Im Gegenteil. Genau darum geht es uns bei „Die anderen 50 Prozent“: um Lebenswelten. Und das betrifft Ost und West. Wenn Frauen sich miteinander vernetzen und gegenseitig unterstützen – ist das für das Patriarchat vielleicht sogar die größte Bedrohung?

Luci: Ich glaube tatsächlich, dass genau das die größte Bedrohung für das Patriarchat ist. Nicht nur, dass Frauen sich verstehen – sondern dass sie Netzwerke bilden. Ich finde schon unsere Sprache spannend. Nimm das Wort „Weibergewäsch“. Das verweist ursprünglich auf die Gespräche der Frauen beim gemeinsamen Waschen. Oder das Wort „spinnen“: Frauen saßen zusammen am Spinnrad, tauschten sich aus und teilten ihre Erfahrungen. Genau diese Räume weiblicher Vernetzung wurden sprachlich oft abgewertet. Das Gleiche gilt für Begriffe wie „Frauenliteratur“ oder „Frauenfilm“, die häufig so verwendet werden, als seien sie weniger bedeutend. Dabei passiert in solchen Räumen etwas sehr Wichtiges. Ich habe gelesen, dass Frauen Stress oft dadurch abbauen, dass sie miteinander sprechen – selbst dann, wenn dabei gar keine konkrete Lösung entsteht. Allein das gegenseitige Zuhören und Verstandenwerden scheint den Cortisol-Spiegel stärker zu senken als manche Entspannungstechniken. Ich finde das faszinierend und erlebe das selbst oft. Ein Kaffee mit einer guten Freundin gibt mir manchmal mehr Kraft als eine Stunde Meditation. Beides hat seinen Platz – aber aus unterschiedlichen Gründen.

Ich glaube, genau diese Vernetzung war immer gefährlich für patriarchale Strukturen. Deshalb wurde das Ideal der isolierten Hausfrau so lange propagiert. Früher wuschen Frauen gemeinsam, backten gemeinsam, spannen gemeinsam. Sie tauschten sich aus und unterstützten sich gegenseitig. Mit dem Ideal der allein arbeitenden Hausfrau verschwanden viele dieser Räume. Frauen wurden vereinzelt und ihre Aufgabe reduzierte sich zunehmend darauf, den Haushalt zu führen und die Emotionen anderer zu regulieren.

Dabei kenne ich viele wunderbare Männer. Trotzdem beobachte ich oft, dass Männer deutlich größere Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle zu benennen, wertzuschätzen und sich untereinander wirklich verletzlich zu zeigen. Wenn sich das ändern würde, würde sich aus meiner Sicht auch das Patriarchat verändern.

Dann würden Männer vielleicht auch erkennen, dass sie selbst unter vielen seiner Regeln leiden, etwa unter der Vorstellung, sich für Status, Karriere oder Anerkennung kaputtarbeiten zu müssen. Deshalb glaube ich, dass Patriarchat und Kapitalismus eng miteinander verbunden sind.

Beide Systeme leben davon, Menschen über Konkurrenz und Dominanz zu definieren. Wenn Männer begreifen würden, dass auch sie dadurch verlieren, wären wir einem gerechteren und lebenswerteren Miteinander ein großes Stück näher.

Sandra: Ich möchte jetzt gern zur Musik wechseln. Du hast auch in dem Bereich  ganz eigene Ost-West-Erfahrungen gemacht.

Luci: Musik war für mich ein unglaublich spannendes Feld, um die Unterschiede zwischen Ost und West kennenzulernen. Mein erster Mann war Musiker im Osten. Durch ihn habe ich zum Beispiel zum ersten Mal von der Einstufungskommission erfahren – also davon, dass Musikerinnen und Musiker in der DDR zunächst staatlich eingestuft werden mussten, um überhaupt auf bestimmten Bühnen auftreten zu dürfen. Mir wurde dadurch bewusst, wie stark Kunst vom Staat abhängig war. Wer nicht systemkonform war, bekam diese Einstufung oft gar nicht erst.

Gleichzeitig habe ich aber gemerkt, dass jede Seite ihre eigenen Zwänge hatte. Im Westen war – und ist bis heute – Existenzangst für viele Kunstschaffende ein ständiger Begleiter. Vielleicht schaffen es einige wenige, für ein paar Jahre Popstars zu werden und davon zu leben. Aber die meisten Künstler:innen fragen sich permanent: Wovon lebe ich nächstes Jahr? Wie sichere ich meine Zukunft? Was passiert, wenn niemand mehr meine Kunst kaufen oder hören möchte? Ich habe sehr viele sehr bekannte Menschen aus Musik, Malerei, Fotografie oder Schauspiel kennengelernt. Fast alle machten sich Sorgen um ihre finanzielle Zukunft oder ihre Rente. Diese Existenzangst gehört im Kapitalismus fast automatisch zum Künstler:innenleben.

Ich wusste schon sehr früh, dass ich Kunst machen wollte. Zunächst habe ich Kunstpädagogik studiert – an der damaligen Hochschule der Künste, der heutigen Universität der Künste in Berlin. Parallel kam ich sehr früh zur Musik und hatte bereits mit sechzehn meinen ersten Plattenvertrag. Trotzdem wurde mir immer wieder geraten, einen „vernünftigen“ Beruf zu lernen. Meine Eltern wollten, dass ich Grundschullehrerin werde – so wie mein Vater, der als Künstler arbeitete, aber gleichzeitig Lehrer war. Er war ein ernst zu nehmender bildender Künstler und zugleich Studienrat. Nach der Schule arbeitete er im Atelier, in den Ferien ebenfalls. Das war sein Modell für Sicherheit. Für mich hat das nie funktioniert. Ich bin einfach keine Lehrerin. Aber diese Existenzangst begleitet mich bis heute. Ich überlege ständig, welche Aufträge ich noch annehmen könnte, womit sich zusätzlich Geld verdienen lässt oder wie ich mich finanziell absichere, wenn die Kunst einmal nicht trägt.

Dieses Gefühl habe ich bei den Ostdeutschen, die ich damals kennenlernte, kaum erlebt. Dort gab es andere Ängste. Es gab die enorme Beschränkung der Möglichkeiten. Wer politisch nicht ins System passte, durfte bestimmte Bildungswege gar nicht erst einschlagen oder konnte den eigenen Berufswunsch nicht verwirklichen. Viele erzählten mir auch von einem Gefühl der Begrenzung. Sie konnten vielleicht in der DDR auftreten – aber eben nicht darüber hinaus. Die Welt hörte an den Landesgrenzen auf. Viele der Musikschaffenden, die ich nach der Wende kennenlernte, wollten deshalb später unbedingt ins Ausland, viele auch in die USA. Sie hatten große Träume, die zuvor schlicht nicht möglich gewesen waren.

Auf der anderen Seite hatten viele von ihnen eine Angst nicht, die ich aus dem Westen sehr gut kannte: die Angst vor dem sozialen Absturz.

Niemand von denen, die ich damals kennenlernte, hatte Sorge, plötzlich auf der Straße zu landen oder zu verhungern. Trotzdem wusste ich natürlich, dass die Realität der DDR viel komplizierter war und es dort Repression, Ausgrenzung, Bespitzelung oder sogar Inhaftierungen gab. Ich kann deshalb nur von den Menschen sprechen, die ich persönlich kennengelernt habe. Viele von ihnen lebten bewusst außerhalb gesellschaftlicher Konventionen. Sie wohnten in alten Eisenbahnwaggons oder in Abrisshäusern, gründeten Wohngemeinschaften und bauten sich ihre ganz eigenen Parallelwelten auf. Das hat mich sehr fasziniert. Vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht ständig unter dem wirtschaftlichen Druck standen, ihre Kunst verkaufen zu müssen.

Im Kapitalismus wird Kunstschaffenden oft vermittelt: Nur wenn du von deiner Kunst leben kannst, bist du überhaupt richtige Künstler:in.

Das hat sich während der Pandemie sehr deutlich gezeigt. Damals wurde oft sinngemäß gefragt: Wenn niemand dafür bezahlt, warum sollte diese Kunst überhaupt existieren? Diese Frage gab es in der DDR in dieser Form nicht. Dort entschied der Staat, wer als „echter“ Künstler anerkannt wurde und wer nicht. Beides ist schädlich für die Kunst und die Menschen, die sie schaffen. Um so beeindruckender war es, dass sich manche Menschen in der DDR trotz aller politischer Begrenzungen erstaunlich freie kulturelle Räume geschaffen hatten. Vielleicht täusche ich mich auch. Ich kann eben nur von meinen eigenen Eindrücken unmittelbar nach der Wende erzählen.

Vor der Wende hatten wir zwar viele Kontakte in die DDR – durch Familie und Freunde –, aber nicht in diese alternativen Kunst- und Musikmilieus. Viele wissen heute gar nicht mehr, dass ausgerechnet wir West-Berliner deutlich schlechter nach Ost-Berlin kamen als viele Westdeutsche. Mit unserem behelfsmäßigen Personalausweis mussten wir wochenlang auf eine Genehmigung warten, wenn wir nach Ost-Berlin, und noch länger, wenn wir in den Rest der DDR wollten. West-Berliner waren eben ein Sonderfall. Wir galten ja nicht als normale Bundesbürger. Deshalb war es für Jugendliche aus West-Berlin keineswegs selbstverständlich, einfach mal nach Ost-Berlin zu fahren.

Als ich schließlich mit dreizehn zum ersten Mal allein dort war, war das für mich ein regelrechter Kulturschock. Bis dahin bestand meine Vorstellung von der DDR aus ganz anderen Bildern. Mein Vater stammte ursprünglich aus Magdeburg, und sein bester Freund lebte in Werder. Wenn wir dorthin fuhren, bedeutete die DDR für mich Kirschblüte, am See sitzen, Grashüpfer fangen und ein Haus, das einfach anders roch, weil dort andere Putzmittel benutzt wurden. Ich erinnere mich ansonsten noch an einen knallorangenen Toilettendeckel, den ich seltsam fand, weil er nicht zum Rest der Einrichtung passte. Solche Kleinigkeiten blieben mir als Kind im Gedächtnis.

Mit meiner damaligen besten Freundin fuhr ich außerdem oft nach Ost-Berlin. Ihre Mutter stammte aus Karlsbad und konnte vergleichsweise unkompliziert mit Kindern in die DDR reisen. Wir besuchten Schloss Sanssouci und Verwandte, die ziemlich trostlos direkt an der Mauer wohnten. Aber trostlose Gegendem gab es in West Berlin auch. Manchmal gingen wir in Ost-Berlin sogar Kinderschuhe kaufen, weil sie deutlich günstiger waren als in West-Berlin. So sah meine kindliche Vorstellung von der DDR aus. Kirschblüte. Seen. Sanssouci. Verwandte meiner Freundin besuchen. Kinderschuhe kaufen. Erst als Jugendliche lernte ich die alternative Kulturszene kennen – und damit einen völlig anderen Osten. Das war für mich ein echter Kulturschock.

Gleichzeitig war die Mauer für uns West-Berliner allgegenwärtig. Das Atelier meines Vaters lag direkt an der Mauer, weil die Mieten dort günstig waren. Deshalb gehörten Soldaten, Grenzanlagen und Stacheldraht ganz selbstverständlich zu meinem Alltag. Ich erinnere mich noch an die regelmäßige Zugfahrt zu meiner Großmutter, die damals in Hannover lebte. Es gab zwei feste Orientierungspunkte. Zuerst sagte meine Mutter: „Schau, dort ist der Magdeburger Dom. Da hat dein Vater gesungen.“ Und wenig später hieß es: „Jetzt kommen gleich die Selbstschussanlagen an der Grenze. Dann dauert es nicht mehr lange, bis wir bei der Großmutter sind.“ Damals war das völlig normal. Heute finde ich diesen Gedanken erschütternd. Eine Selbstschussanlage – also eine Anlage, die Menschen töten sollte – war für uns schlicht eine Landmarke auf einer Zugreise.

Auch an die Berliner Mauer selbst hatten wir uns auf erschreckende Weise gewöhnt. In Lichtenrade gab es Abschnitte ohne Mauer und mit meterhohen Grenzzäunen. Die Menschen parkten dort trotz Parkverbots ihre Autos, und manchmal wurden diese nachts von DDR-Grenzkräften auf die andere Seite gebracht. Wochenlang mussten die Besitzer warten, bis sie ihre Fahrzeuge zurückbekamen. Wir Jugendlichen wiederum warfen alte Schallplatten über den Grenzstreifen und beobachteten, wie auf den Wachtürmen die Scheinwerfer angingen und die Grenzsoldaten losliefen. Heute erscheint mir das unfassbar. Damals war uns viel zu wenig bewusst, wie tödlich ernst diese Grenze war. Dass dort Menschen starben, war für uns so normal geworden, dass wir ihre Grausamkeit gar nicht mehr wirklich wahrnahmen. Diese Fähigkeit des Menschen, sich selbst an schreckliche Zustände zu gewöhnen, macht mir bis heute Angst. Der Film „Der Himmel über Berlin“ hat dieses Gefühl für mich sehr treffend eingefangen. Es gibt diese Szene, in der Bruno Ganz und Otto Sander als Engel über den Todesstreifen gehen. Für mich war das damals der Inbegriff des Unmöglichen. Genauso unvorstellbar wie die Vorstellung, jemals durch das Brandenburger Tor laufen zu können. Ich hätte eher geglaubt, dass der Himmel plötzlich grün wird. Und doch ist genau das später Wirklichkeit geworden.

Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie schnell Menschen anfangen, selbst schlimmste Zustände als selbstverständlich hinzunehmen. Eigentlich hätten wir alle auf die Straße gehen müssen. Mitten in unserer Stadt wurden Menschen erschossen, weil sie ihre Familien besuchen oder einfach nur frei leben wollten. Heute sehe ich ähnliche Mechanismen an anderen Orten. Auch dass Menschen im Mittelmeer sterben, wird gerade zur schrecklichen Gewohnheit. Wenn ich mir das ständig vor Augen führen würde, würde ich daran verzweifeln. Aber ich glaube, wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass wir grausame Zustände nicht einfach als gegeben hinnehmen dürfen. Jetzt sind wir schon wieder weit weg von der Musik. 

Sandra: Dann sprechen wir jetzt gern über Lucilectric, deine Musikzeit damals und deine Ost-West-Erfahrungen.

Luci: Lucilectric war tatsächlich sehr schnell eine ganz intensive Ost-West-Erfahrung. Bevor Lucilectric bekannt wurde und bevor „Mädchen“ herauskam – der Song erschien ja bereits 1993, aber richtig bekannt wurden wir erst 1994 –, war es noch so, dass Plattenfirmen sich tatsächlich um ihre Künstler:innen gekümmert haben. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Wir waren damals unter anderem Vorband bei den Puhdys und bei den Prinzen – also bei zwei unglaublich bekannten ostdeutschen Bands. Dadurch hatten wir natürlich sehr viele Kontakte zu ostdeutschen Musiker:innen. Auch mein damaliger Mann kam aus diesem Umfeld. Es war dann so, dass der Sohn von Maschine – also Andy, der Sohn von Dieter „Maschine“ Birr von den Puhdys – bei uns Schlagzeug gespielt hat. Durch diesen Kontakt zu den Puhdys kam es wiederum dazu, dass Andy meinen späteren Ehemann mitbrachte, der Bass spielte. So wurden wir eine Ost-West-Band.

Wir sind dann auch sehr viel durch den Osten getourt – natürlich auch durch die Kontakte zu den Puhdys und den Prinzen – und haben dabei viele Unterschiede kennengelernt.Aber wir haben auch diese teilweise absurden Auswüchse erlebt, die mit dem unglaublich schnellen Einzug des Kapitalismus nach der Wende verbunden waren. Diese Geschwindigkeit, mit der plötzlich alles entstanden ist, manchmal eben auch ohne Rücksicht darauf, was dabei passiert.

Ein Beispiel dafür war eine Situation in Magdeburg. Mein damaliger Mann wäre dort beinahe gestorben, weil ein Hotel so schnell hochgezogen worden war, dass eine Starkstromleitung angebohrt wurde. Diese Leitung war dann ausgerechnet mit der Türklinke verbunden. Das Gebäude war noch gar nicht richtig fertig, als wir dort untergebracht wurden. Er bekam einen furchtbaren Stromschlag. Und am Ende versuchten natürlich alle irgendwie, die Verantwortung abzuschieben. Nicht die Baufirma, nicht die Verantwortlichen – irgendwie sollte es dann am Ende bei uns liegen. Das war eine dieser Situationen, bei denen deutlich wurde: Der Turbokapitalismus beginnt gerade, diese Regionen zu überrollen. Viele Menschen mussten irgendwie damit klarkommen. Manche haben es bewusst wahrgenommen, andere waren so sehr mit ihrem Alltag beschäftigt, dass sie gar nicht alles überblicken konnten, was da gerade passierte.

Was nach der Wende auch passiert ist: Viele Menschen aus dem Westen, die dort schon vorher mit fragwürdigen Methoden gearbeitet hatten, gingen in den Osten und machten dort weiter. Natürlich kann ich deshalb verstehen, dass viele Menschen im Osten bis heute ein sehr schwieriges Verhältnis zu Westdeutschen haben. Es gab unglaublich viele Westdeutsche, die Menschen im Osten ausgenutzt haben. Aber gleichzeitig waren es eben oft Menschen, die vorher auch schon im Westen so gehandelt hatten. Durch diese Erfahrungen konnte ich zumindest besser verstehen, welche Verletzungen und Traumata bei vielen Menschen entstanden sind. Trotzdem darf das natürlich kein Grund sein zu sagen: „Wir wollen die DDR zurück“ oder „In der DDR war alles besser“.

Ich erinnere mich noch an die Lehrerin meines Sohnes. Mein Sohn ist in Ostberlin zur Grundschule gegangen. Diese Lehrerin hat die Kinder irgendwann ins DDR-Museum geführt und gesagt: „Naja, in der DDR war auch nicht alles perfekt.“ Also im Sinne von: „Aber das meiste.“ Und genau das finde ich schlimm. Meiner Meinung nach ist es – auch wegen der Opfer – sehr wichtig anzuerkennen: Die DDR war eine Diktatur. Und wir sollten alle froh, dass diese Diktatur nicht mehr existiert.

Ich wünsche mir, dass wir daran arbeiten, dass wir nicht irgendwann in die nächste autoritäre Gesellschaft rutschen. Wenn die AfD immer mehr Macht bekommt, ist das eine reale Gefahr. Wir sollten uns deshalb ganz bewusst daran erinnern, was Freiheit bedeutet. Und dazu gehört auch, uns in Impulskontrolle zu üben. Wir müssen aushalten können, dass Dinge anders sind, als wir sie selbst gerne hätten. Dass Menschen anders leben, anders denken oder andere Entscheidungen treffen – solange sie nicht die Menschenrechte anderer verletzen. Demokratie bedeutet schließlich genau das: Sie ist anstrengend. Sie bedeutet, dass ich akzeptieren muss, dass Menschen andere Meinungen haben. Nicht bei grundlegenden Menschenrechten – die sind nicht verhandelbar –, aber bei vielen anderen Fragen des Zusammenlebens. Ob ein Hotel gebaut wird oder nicht. Wie ein Stadtteil gestaltet wird. Wie Menschen leben möchten. Da müssen wir lernen, miteinander zu sprechen, Mehrheiten zu finden und Kompromisse auszuhalten.

Und ich glaube, genau diese Anstrengung führt dazu, dass manche Menschen müde von Demokratie werden. Ich habe neulich einen Artikel einer Psychologin gelesen, die gesagt hat, dass das Erstarken faschistischer Strukturen auch damit zusammenhängt, dass Menschen diese ständige Selbstregulation nicht mehr leisten wollen. Demokratie bedeutet eben: Ich darf nicht einfach meinem ersten Impuls folgen. Ich darf nicht einfach hassen, was ich nicht verstehe. Eine faschistische Struktur macht es Menschen dagegen leichter. Sie erlaubt ihnen, offen intolerant zu sein. Sie erlaubt ihnen, ihren Hass auszuleben. Und genau deshalb müssen wir Demokratie viel stärker wertschätzen. Wir müssen wertschätzen, dass wir zuhören müssen. Dass wir versuchen müssen, Lösungen zu finden, mit denen möglichst viele Menschen leben können. Aber das bedeutet eben auch: Es gibt Dinge, die nicht verhandelbar sind. Wir müssen diese Freiheit schützen. Und wir dürfen uns nicht nach irgendwelchen Diktaturen zurücksehnen, die genau das nicht ermöglicht haben.

Auch wenn Luci van Org das „Mädchen“, mit dem sie bei „Lucilectric“ Musik- und Feminismus-Geschichte geschrieben hat, immer im Herzen trägt – heute ist „Cross-Media-Künstlerin“ sicher die treffendere Bezeichnung für die Berlinerin Jahrgang 1971. Als Buchautorin schreibt van Org Romane und Theaterstücke, als Drehbuchautorin für Kino und TV (z. B. „Soko Leipzig“, „Letzte Spur Berlin“, „Der Lehrer“), als Schauspielerin und Regisseurin macht sie Filmkunst. Ihre Bilder und Grafiken sind auf den unterschiedlichsten Ausstellungen und als Illustrationen in verschiedensten Büchern zu finden – und natürlich hält van Org der Musik auch noch die Treue. Als Bandleaderin ihres Soloprojekts Lucina Soteira, als Gitarristin, Bassistin und Stimme von Alles Schwarz, als weibliche Hälfte des Duos Meystersinger oder als Songschreiberin und Produzentin für andere Musikschaffende. Logisch, dass Luci deshalb bei ihren Lesungen und Ausstellungen auch so gut wie immer musiziert und singt und ihre eigenen Bücher meist selbst illustriert.

Foto: Merlin Jörg Noack